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Kultur Malmsheimer geht auf Reisen
Nachrichten Kultur Malmsheimer geht auf Reisen
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15:58 28.01.2019
Mit Reisetagebuch: Jochen Malmsheimer im Theater am Aegi.
Mit Reisetagebuch: Jochen Malmsheimer im Theater am Aegi. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Jochen Malmsheimer ist ein Unikat. „Ich freue mich, dass Sie alle kommen mussten“, seine liebevoll-barsche Art schlägt den 1000 Zuschauern im Theater am Aegi direkt entgegen. Ein Virtuose der Sprache – jedes seiner Worte zieht einen in den Bann. Und was beginnt wie der Vortrag eines Reisetagebuchs, entwickelt sich zu einem wortgewaltigen Appell an Nächstenliebe und die Rückbesinnung auf die Tugenden alter Philosophen und Persönlichkeiten.

Seine Frau möchte einen Städtetrip nach Venedig machen, erzählt er zunächst. Doch Fliegen ist nicht sein Ding. „Wir können doch fahren!“, schlägt er im gespielten Dialog seiner Frau vor. „Gute Idee! Fahren wir mit dem Bus!“ Das ist gar nicht nach Malmsheimers Geschmack: „Den Bus? Ich fühle mich noch nicht reif, nicht weißhaarig, nicht sabbernd, nicht gebrechlich, nicht gehgestört genug für eine Busreise.“

Ein Highlight ist die Adaption einer TV-Talkshow zum Thema Bildung, bei der Malmsheimer passgenau alle Rollen übernimmt. Ein mehrminütiger Nonsense-Talk, geschmückt mit solchen Perlen: „Was ist Bildung?“ – „Bildung ist, dass man weiß, was Equilibristik ist.“ – „Und was ist das?“ – „Ich glaube, wie man Pferden das Lesen beibringt.“

Im zweiten Teil der Show bekommt die bislang vor allem launige Busreise eine tiefere Ebene: Malmsheimer schläft ein, in seinem Traum werden die Mitreisenden zu berühmten historischen Persönlichkeiten. Marco Polo, Martin Luther, Odysseus, Robin Hood, der Sheriff von Nottingham, Sam Hawkens oder das Apachen-Trio Winneone, Winnetou und Winnethree. Nun entstehen aberwitzige Kabbeleien: Odysseus erzählt von Homer, Sam Hawkens fragt: „Der gelbgesichtige Familienvater?“ Odysseus läuft dunkelrot an. Dazu streiten sich Robin Hood und der Sheriff über den modischen Wert von Strumpfhosen.

Doch allmählich wird Malmsheimers eigentliches Anliegen klar: „Wir brauchen Ihre Hilfe“, richtet der Träumende eine Bitte an die prominenten Toten. „Ich bin mir sicher, dass wir in geistfernen Zeiten leben. Mit Fremdenhass und Rassismus, Pöbeln gegen das Unbekannte, Nationalismus und sein kleiner, debiler Bruder Patriotismus.“ Malmsheimer macht keine Kompromisse.

Und bedankt sich zum Abschied beinahe klassisch: „Vielen Dank für Ihr freundliches Entgegensitzen!“ Es war ein Vergnügen.

Von Janik Marx