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Kultur „Made in Germany“ geht in die zweite Runde
Nachrichten Kultur „Made in Germany“ geht in die zweite Runde
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17:48 29.10.2011
Kunstscouts: Kathrin Meyer, Ute Stuffer, Antonia Lotz, René Zechlin, Gabriele Sand (v. li.). Quelle: Martin Steiner
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Dank dieser Ausstellung sah man die junge, vielversprechende Kunst mit Produktionsstandort Deutschland und insbesondere Berlin nicht in Berlin, Köln oder München, sondern in der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Das kommende Jahr ist wieder documenta-Jahr – und wieder ballen sich die Ereignisse: Die nomadische Manifesta, die sich als Europäische Biennale für Gegenwartskunst versteht, läuft im belgischen Limburg nahe der deutschen Grenze. Berlin steht 2012 im Zeichen der 7. Berlin Biennale, in Frankfurt eröffnet die erste Foto-Triennale – und in Hannover läuft von 17. Mai bis 19. August „Made in Germany Zwei“.

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„Made in Germany“ (MIG) steht nach der gelungenen ersten Ausgabe der Ausstellung nicht mehr nur für hochwertige deutsche Produktqualität, sondern ist auch in der Kunst ein Markenname. In Hannover verlässt man sich aber nicht allein auf die MIG-Strahlkraft, sondern möchte sich mit den Manifesta-Leuten und den Kollegen in Frankfurt und Berlin zu einer Reihe mit dem Titel „Die galaktischen Vier“ zusammenschließen, sagt Veit Görner, der Direktor der Kestnergesellschaft. „Wir wollen, dass Gäste aus Übersee merken, wie nah die Städte in Europa zusammenliegen.“

Die drei „Made in Germany Zwei“-Macher, neben Görner sind das Ulrich Krempel vom Sprengel Museum und René Zechlin vom Kunstverein, klopften auch bei der documenta an. Doch aus Kassel kam der lapidare Bescheid, man sei an Zusammenarbeit nicht interessiert. Der Fixstern kann sich Arroganz leisten, die Trabanten aber sind hartnäckig. Wer im kommenden Jahr in den Bahnhöfen Kassel-Wilhelmshöhe oder Hauptbahnhof ankommt, „wird als Erstes auf ,Made in Germany‘ stoßen“, sagt Görner. Dank schnellen Reagierens von Hannover-Marketing-Geschäftsführer Hans Christian Nolte konnten unter anderem sämtliche Einzelplakatsäulen im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe für Hannover reserviert werden – das sind 18 Stück. Görner nennt das voller Bewunderung für den Marketingexperten einen „Coup“.

Die MIG-Veranstalter erwarten im kommenden Jahr zwischen 80.000 und 90.000 Kunstinteressierte in Hannover. Die erste Ausgabe von „Made in Ger­many“ sahen 70.000 Menschen. Für eine Schau junger Künstler zwischen 30 und 40 Jahren war das beachtlich. Viel Fachpublikum ließ sich damals in Hannover blicken.

Mit rund 40 Künstlern – in wenigen Tagen werden die Namen bekannt gegeben – ist die Zahl der Beteiligten diesmal etwas reduziert. Dafür sollen sich die einzelnen Künstler besser ausbreiten können. Immerhin stehen mehr als 3000 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung.

Der MIG-Etat ist mit rund 700.000 Euro etwas niedriger bemessen als im Jahr 2007. „Diesmal fehlen uns die Mittel der Bundeskulturstiftung“, sagt Görner, diese habe allerdings schon beim ersten Mal gesagt, dass sie unabhängig vom Erfolg des Projekts keine Regelförderung anstrebe. In den Genuss von Regelfinanzierung kommen die documenta, die Berlin Biennale und die alle zehn Jahre ausgetragenen Skulptur Projekte Münster.

Das Marketing ist die eine Seite, die Kunst eine andere. Neun Kuratoren bilden das Team: Gabriele Sand und Carina Plath vom Sprengel Museum, René Zechlin und Ute Stuffer vom Kunstverein, Antonia Lotz, Susanne Figner und Kathrin Meyer von der Kestnergesellschaft sowie Martin German aus Berlin und Kristin Schrader aus Frankfurt. Die Kunstscouts sind seit zwei Jahren unermüdlich in Ateliers und Galerien unterwegs. Wie viele Künstler sie bereits besucht haben, wissen sie schon nicht mehr. „40 waren es bestimmt“, sagt Ute Stuffer.

Von ihren Fahrten bringen die Kuratoren „Positionen“ mit nach Hause, so lautet das Sammelwort für das schwer zu bestimmende besondere Etwas, das ein künstlerisches Werk interessant macht. „Positionen“ können „atmosphärisch“, „ziemlich cool“ oder „eher analytisch“ sein. Im Büro des Kunstvereinsdirektors, der als Einziger der drei Institutionsleiter mit im kuratorischen Team sitzt, hängt eine hellblaue Pinnwand. Wenn man sie betrachtet, kann man ein wenig besser verstehen, weshalb Künstler mit Kuratoren eine innige Hassliebe verbindet.

Mit dicken Pinnnadeln sind auf der Tafel Künstlernamen aufgespießt. Es werden Cluster gebildet. Es gibt eine Gruppierung von Künstlern. Bei anderen sind die Kuratoren der Ansicht, dass sie eine Revision der Moderne betreiben. Geclustert werden auch Künstler, die das Material analysieren oder sich mit dem Raum, auch dem sozialen, auseinandersetzen. Letzteres gilt für einen israelischen Künstler mit „F“, der schon mal im Kunstverein ausgestellt hat. Drei Namenskärtchen hängen lose an der unteren Ecke. Wenn die betreffenden Künstler sie sehen könnten, würden sie sich wahrscheinlich Sorgen machen. Es sieht so aus, als könnten sie aus dem Spiel wieder herausfliegen.

In den kommenden Monaten wird sich auf der Pinnwand noch einiges bewegen. Es wird sich beispielsweise herausstellen, ob Cyprien Gaillard, der parallel von der documenta angefragt wurde, in Hannover überhaupt dabei sein kann. Eine Schwierigkeit gegenüber Ausstellungen wie „German Open“ 1999 in Wolfsburg besteht laut Veit Görner darin, „dass es heute viel mehr Künstler mit immer kürzer dauernden Karrieren gibt“. Jährlich schließen um die 5000 Künstler, Kunsterzieher inbegriffen, in zwei Dutzend deutschen Kunsthochschulen das Studium ab und drängen in den Markt. Dieser bleibt nach der Kunstmarktkrise 2008 angespannt. Jedoch fischen Galeristen nach wie vor den interessanten Nachwuchs bereits in den Akademien ab.

Wirkliche Entdeckungen wird man bei „Made in Germany Zwei“ wahrscheinlich nicht machen, einen spannenden Überblick aber verspricht die Ausstellung auf jeden Fall. Und wie bereits 2007 gilt auch 2012: Berlin hat die Kunst, Hannover die Räume.

Johanna Di Blasi 28.10.2011
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