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Kultur Literaturnobelpreis geht an Tomas Tranströmer
Nachrichten Kultur Literaturnobelpreis geht an Tomas Tranströmer
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20:37 06.10.2011
Bekommt 2011 den Literaturnobelpreis: Der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer. Quelle: dpa
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Stockholm

Kein Tranströmer. Nirgends. In keiner hannoverschen Buchhandlung ist am Tag der Bekanntgabe des Literaturnobelpreisträgers 2011 ein Buch des schwedischen ­Lyrikers Tomas Tranströmer zu bekommen. „Nicht einmal die Großhändler haben etwas vorrätig. Wir haben uns jetzt an den Hanser Verlag gewandt, um Werke dieses Autors zu bekommen“, sagt eine gestresste Buchhändlerin bei „Lehmanns“. Die Nachfrage wird vermutlich vergebens sein. Denn Tranströmers schmale Gedichtbände sind selbst bei Hanser schon kurz nach der Meldung, dass der schwedische Autor den Nobelpreis erhalten wird, komplett vergriffen. „Seit heute Mittag können wir nicht mehr liefern“, teilt der Verlag mit, der immerhin die Rechte an den meisten auf Deutsch übersetzten Werken des 80-jährigen Schweden besitzt: „Wir müssen schleunigst nachdrucken“, heißt es weiter: „Wir gehen davon aus, dass wir bis zur Frankfurter Buchmesse drei Gedichtbände liefern können.“

Es ist eine Situation, die nicht untypisch bei der Vergabe des weltweit bedeutendsten Literaturpreises ist. Als im Jahr 2008 der französische Zivilisationskritiker Jean-­Marie Gustave Le Clézio gekürt wird, kennt ihn hierzulande kaum jemand, lediglich sein Erinnerungsbuch „Der Afrikaner“ ist in den Buchläden zu haben. Als 2009 die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller die hohe Auszeichnung erhält, stößt die Entscheidung des schwedischen Nobelpreiskomitees vor allem im Ausland auf Unverständnis. „Herta who?“, bringt die amerikanische Zeitschrift „Entertainment Weekly“ die Ratlosigkeit der Weltpresse auf den Punkt und nennt Müller eine „so gut wie unbekannte Autorin“.

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Auch auf den Schweden Tomas Tran­strömer mag die knappe Formulierung zutreffen, die er für den Titel eines vor sechs Jahren in Deutschland erschienenen Gedichtbandes fand. „Das große Rätsel“ heißt das 2005 veröffentlichte Werk. „Ein großes Rätsel“ wird auch dieser Autor, der mit dem Nobelpreis nicht nur um eine Auszeichnung, sondern auch um ein Preisgeld von 1,1 Millionen Euro reicher geworden ist, zunächst für viele Menschen darstellen. Wer sich aber in sein Werk versenkt hat, wird schnell erkennen, warum so viele Experten ihn für einen begnadeten Lyriker halten und warum er seit so vielen Jahren ganz oben auf der Liste der Kandidaten für den Literaturnobelpreis steht. Tranströmer gelingt es in ebenso schlichten wie präzisen, oft ungewöhnlich knappen Versen die Schönheit seiner Heimat Schweden einzufangen, die Einsamkeit auf der Insel Runmarö in den Schären vor Stockholm, auf der Tranströmers Großvater lebte – und die sein dichtender Enkel viele Jahre jeden Sommer besuchte. Tranströmer verbindet diese Impressionen aus der Natur mit anderen, existenziellen Erfahrungen und öffnet mit seinen kunstvoll gestalteten Versen in Sekundenschnelle Räume voller lakonischer Präzi­sion: „Ich stehe auf dem Berg und blicke über die Förde. / Die Boote ruhn auf der Oberfläche des Sommers“ heißt es in dem Gedicht „Vom Berge“ – in einem Ton, der typisch für Tranströmer ist, weil er so unnachahmlich ruhig dahinfließt.

„Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen“ ist dieser Dichter – und setzt damit einer lauten, lärmenden Gegenwart voller Überfluss, Überdruss und (Sprach-)Müll Bilder von extrem verknappter, auf ihr Wesentliches reduzierter Ausdruckskraft entgegen. Dass Worte für Tranströmer ein so kostbares Gut darstellen, hat vermutlich auch damit zu tun, dass er als Dichter der gesprochenen Sprache kaum noch mächtig ist. 1990 erleidet der Schriftsteller, der seine ersten Gehversuche als Dichter macht, als er auf der schwedischen „Södra Latin“ in Stockholm den römischen Dichter Horaz übersetzen muss, einen Schlaganfall. Seine rechte Körperhälfte bleibt gelähmt, und zunächst ist auch sein Sprachvermögen fast vollständig verloren. Es gehört zur Ironie des Schicksals, dass der studierte Psychologe das Phänomen der Aphasie schon 1974 in seinem Gedicht „Ostseen“ beschreibt: „Etwas will gesagt werden, aber die Worte lassen sich nicht darauf ein. / Etwas, das nicht gesagt werden kann, / Aphasie, / Worte gibt es nicht, aber vielleicht einen Stil“, heißt es dort. 16 Jahre später ist der fast verstummte Dichter darauf angewiesen, mit dem Material aus seinen Notizbüchern zu arbeiten. Er exzerpiert bestimmte Formulierungen, variiert sie, streicht wieder und wieder, bis sich die Worte auf dem Papier mit dem gesuchten Ausdruck ergänzen. Es ist vor diesem Hintergrund kein Wunder, dass Tranströmers Werk gerade einmal rund 500 Seiten umfasst. Seinen Gedichtbänden schadet es nicht: 2005 erscheint in Deutschland bei Hanser der ein Jahr zuvor auf Schwedisch veröffentlichte Lyrikband „Das große Rätsel“ und wird von der Kritik gefeiert. Selbst eine Autobiografie schreibt er: „Die Erinnerungen sehen mich“ (Hanser, 1999). Wie alle seine Bücher wird es kongenial von Hanns Grössel ins Deutsche übersetzt – und mit 80 Seiten ist auch die Lebenserinnerung ungewöhnlich knapp gefasst.

Mit den Worten, er weise dem Leser „in komprimierten, erhellenden Bildern neue Wege zum Wirklichen“, hat die Schwedische Akademie ihre Entscheidung für diesen Lyriker begründet – den ersten schwedischen Literaturnobelpreisträger seit 1974. Tranströmer, der auch heute noch kaum ein Wort sprechen kann, reagierte bescheiden auf die große Auszeichnung. Er freue sich über die „schöne Nachricht“, sagte er in einer improvisierten Pressekonferenz mithilfe seiner Ehefrau Monica Bladh-Tranströmer: „Ich habe vor allem gehofft, dass es diesmal ein Lyriker wird.“

Von Jutta Rinas
 und Sebastian Harfst