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Kultur Gisela Friedrichsen über den NSU-Prozess
Nachrichten Kultur Gisela Friedrichsen über den NSU-Prozess
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13:04 11.09.2019
Deutschlands bekannteste Gerichtsreporterin: Gisela Friedrichsen las im Literaturhaus aus „Der Prozess“ über die NSU-Morde. Quelle: dpa
Hannover

„Man glaubte alles zu wissen und wusste eigentlich gar nichts.“ Gisela Friedrichsen bringt gleich im Vorwort den NSU-Prozess auf den Punkt. Die bekannteste Gerichtsreporterin Deutschlands sitzt sonst stets in der ersten Zuschauerreihe der Gerichtssäle der Republik, wo Mord und Totschlag, wo menschliche Abgründe verhandelt werden. Und nun hat sie auf dem Podium des Literaturhauses Platz genommen.

Viele Jahre lang war sie als Redakteurin bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ tätig, berichtete von 1989 bis 2016 für „Der Spiegel“, schreibt seither für „Die Welt“ und teilt in diversen Medien ihre fundierten Beobachtungen und Einschätzungen. Die geborene Münchnerin wohnte unter anderem dem Kachelmann- und dem Breivik-Prozess bei.

Lesen Sie hier:Was wir über rechtsextreme Netzwerke in Deutschland wissen

Friedrichsen spricht Klartext

Bei der Sachbuchlesereihe „Klartext“ stellt sie nun ihr im Juni erschienenes Buch „Der Prozess: Der Staat gegen Beate Zschäpe u.a.“ vor. Eine Schilderung des NSU-Prozesses, die sich beinahe wie ein Kriminalroman oder ein Drehbuch liest.

Fünf Angeklagte, 374 Tage Beweisaufnahme, 43 Befangenheitsanträge, 14 Verteidiger, 600 Zeugen und 95 Nebenkläger in einer fünfjährigen, permanent unter kritischer Beobachtung der Öffentlichkeit stehenden Verhandlung: Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Eine Herausforderung auch für Friedrichsen, die die Zeitspanne und das Ausmaß des Falles zwischen zwei Buchklappen zu pressen hatte.

Lesen Sie hier: Jahrestags des NSU-Urteils – viele Fragen sind noch offen

Grotesker Schlagabtausch

Die Gerichtsreporterin, die den gesamten Prozess in München als Beobachterin und Chronistin für den „Spiegel“ verfolgte, konzentriert sich nüchtern, aber doch anschaulich, auf die Taten, Fakten und die Schilderung ihrer Sicht auf den komplexen Fall der rassistisch motivierten Mordserie – gänzlich spekulationsfrei und so, dass auch Nicht-Juristen folgen können.

Gisela Friedrichsen erzählt, berichtet frei von ihren Eindrücken, schaut auf aktuelle Themen wie den tragischen Fall des ermordeten Bürgermeisters Walter Lübckes. Sie liest nur drei Passagen aus „Der Prozess“, unter anderem, wie Uwe Mundlos’ Vater sich vor Gericht einen grotesken Schlagabtausch mit dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl lieferte, der im Alleingang und mit akribischer, beinahe technokratischer Herangehensweise den Prozess führte. Den Zuhörern im Literaturhaus bleibt kopfschüttelnd das Lachen im Halse stecken.

Lesen Sie hier: Stephan E. gesteht Mord an Lübcke

Die Augen geöffnet

Die Autorin Margarete von Schwarzkopf führt durch den Abend und leitet professionell zu den nächsten Themenkomplexen und –kapiteln über. Was der fünfjährige Prozess und die anschließende Aufarbeitung in Form des Buches mit Friedrichsen gemacht habe, möchte von Schwarzkopf wissen. Er habe ihr „die Augen über die bedrohlichen Ausmaße der rechten Szene in Deutschland geöffnet“.

Zudem habe die Justiz, so Friedrichsens Fazit, die harte Bewährungsprobe trotz „Überfrachtung von Anwälten“ und „nicht erreichtem Rechtsfrieden“ bestanden, wo doch viele Kritiker ein klägliches Scheitern zu erkennen glaubten. Auch weiter werde sie Prozessen wie diesen beiwohnen, obwohl es „anstrengend sei, in den Abgrund zu schauen“. Ein Prozess, der sprachlos macht. Ein Buch, das Worte findet. Und ein Abend, der im Gedächtnis bleibt.

Gisela Friedrichsen: „Der Prozess: Der Staat gegen Beate Zschäpe u.a.“. Penguin Verlag, 304 Seiten, 22 Euro.

Von Aline Westphal

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