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Kultur Lehrstück in der Cumberlandschen Galerie: Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“
Nachrichten Kultur Lehrstück in der Cumberlandschen Galerie: Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“
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10:26 07.10.2013
Von Sönke Lill
ES LEBE DER DARWINISMUS: Beatrice Frey spielt Inge Lohmark. Quelle: Sandal
Hannover

„In der Natur hat alles seinen Platz und jede Art ihre Bestimmung: fressen und gefressen werden. Es ist wunderbar.“

In dem Einpersonenstück „Der Hals der Giraffe“ nach dem Roman von Judith Schalansky schlüpft Beatrice Frey in die Rolle dieser Frau Lohmark - und macht das unter der Regie von Helen Danner absolut überzeugend. Äußerlich nimmt man der Schauspielerin in grauem Rock und heller Bluse die 55-jährige Biologielehrerin sowieso ab. Dazu die verhärmten Gesichtszüge und eine erhöhte Kinnhaltung, die grausame Überlegenheit demonstriert. Aber Beatrice Frey schafft es auch, dem Publikum die lohmarksche Weltsicht glaubhaft begreifbar zu machen, und zwar in demselben gnadenlosen Sprachduktus und Satzrhythmus wie Schalansky in ihrem Buch. Beatrice Frey ist Inge Lohmark.

Ein Pelztierchen wird ausgeweidet und seziert. Die Zuschauer sitzen wie in einem Klassenraum mit Skelett und Muskelmodell des Menschen vor der Lehrerin. Das ist die Szenerie, vor dem sich die Seele der Inge Lohmark entblättert. Ihre Unfähigkeit zum Mitgefühl beispielsweise - die Mimik von Frey bleibt grandios gefühlsarm, wenn sie schon früh zugibt, dass sie weiß, dass die Schülerin Ellen ein Mobbing-Opfer ist - und tut es ab: „Zum Opfer macht man sich immer nur selbst.“

Genau dieser Mangel an Empathiefähigkeit hat, wie sich später herausstellt, zum Bruch im Verhältnis von Lohmark zu ihrer Tochter Claudia geführt. Auch diese war einst ein Mobbing-Opfer ihrer Mitschüler und wollte von ihrer Mutter im Unterricht getröstet werden. Aber die Lohmark hat Claudia nur harsch zurückgewiesen, wie alle anderen. Schließlich war sie dort in erster Linie Lehrerin und nicht Mutter.

Was passierte? Die Tochter ging in die USA und informierte ihre Mutter per E-Mail über ihre Heirat mit einem Steven. Das saß - und führt zu dem einzigen echten Gefühlsausbruch in dem Stück, als Inge Lohmark ihren Frust und ihre Hilflosigkeit herausschreit.

Eher zum Schmunzeln sind die Parodien, wenn Beatrice Frey den Schulleiter Kattner oder ihre lehrende Lieblingsfeindin, „die Schwanneke“, nachahmt. Die Imitation der Schüler hingegen könnte Frey noch pointierter bringen, das würde dem Stück noch ein wenig mehr Dynamik bringen.

In den Vorträgen der Lohmark geht es darum, wie sich Lebewesen entwickeln, wenn sie von ihrer Umwelt gefordert werden. Sozial-darwinismus pur. Der Lehrerin gelingt das selbst nicht. Sie ist, wie sie immer war: der menschgewordene Lehrer-Frontalangriff. Mit Blick auf Praxis und Anforderungen in unserem heutigen Bildungssystem ist sie damit eine aussterbende Lehrer-Spezies. Dieses Paradeexemplar sollte man sich vor dem Exitus nochmal ansehen - das gilt auch für Lehrer und Schüler.

Bewertung: 4/5

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