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Kultur „Kulturen bekämpfen sich nicht“
Nachrichten Kultur „Kulturen bekämpfen sich nicht“
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21:00 11.01.2010
Ilija Trojanow Quelle: Arend

Herr Trojanow, Sie widmen Ihr Buch „Kampfabsage“ jenen, die das „Dazwischen bewohnen“. Wo soll dieses Dazwischen sein?
Dort, wo alle kreativen, nachdenklichen Menschen zu Hause sind, in den Regionen jenseits von vorgegebenen Grenzen und Gesetzen.

Sie selbst leben mit und in verschiedenen Kulturen. Wie geht’s Ihnen da so?
Hervorragend. Sie leben wahrscheinlich auch in einem Kulturmix – wie jeder kulturinteressierte Mensch heutzutage, ich nehme an, Sie genießen auch diese Vielfalt.

Würden Sie statt im Wien des 21.  Jahrhunderts vielleicht doch lieber im mittelalterlichen Córdoba leben? Immerhin beschreiben Sie das arabisch geprägte Andalusien als gelungenes Beispiel für ein Miteinander verschiedener Kulturen.
Gerne, wenn Zeitreisen möglich wären, aber die Französische Revolution, der Hof von Akbar dem Großen und das alte Persien würden mich als Reiseziele auch anziehen.

In „Kampfabsage“ wollen der indische Autor Ranjit Hoskoté und Sie aufzeigen, dass Kulturen sich nicht bekämpfen, sondern zusammenfließen. Was fließt denn da zusammen?
Kulturelle Entwicklung geht vonstatten, indem sich das „Eigene“ mit dem „Fremden“ auseinandersetzt, sich dadurch verändert und zu neuen Formen, also Zusammenflüssen, findet. Das ist eine Grundtendenz der Menschheitsgeschichte, und wir bringen Beispiele aus fast allen Regionen und Epochen, ob van Gogh oder Jazz, ob Philosophie der Frührenaissance oder Bildnisse im Buddhismus.

Sie halten Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ für falsch. Warum ist Huntingtons These denn so populär geworden?
Weil sie den herrschenden machtpolitischen Interessen dient. Nach dem Ende des Kalten Krieges drohte uns der Feind abhandenzukommen. Die Nato hat diese „Gefahr“ früh erkannt und nach neuen Feinden Ausschau gehalten. Da kommt eine Theorie, dass es unversöhnliche Kulturkreise gebe, die sich im ewigen Konflikt gegenüberstehen, gerade recht, auch wenn diese These historisch nicht zu belegen ist.

Ist Ihr Buch vor allem eine Reaktion auf die weit verbreitete Islamphobie?
Nein. Die Islamphobie ist ein vorübergehender Zustand. Bis vor 65 Jahren waren die Juden die schwarzen Schafe, jetzt heißt es in allen Sonntagsreden, wir hätten eine judisch-christliche Tradition – ein Begriff, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA erfunden wurde und der theologischer und historischer Unfug ist. Genauso kann ich mir eine judisch-christlich-islamische Rhetorik vorstellen, sollte etwa China unser großer Gegner werden. In unserem Buch geht es nicht um aktuelle Kommentierung, sondern um den Versuch, aus einem dynamischen Kulturverständnis heraus das Wirken pluraler Identitäten im Spannungsverhältnis zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu begreifen.

Denkt man an das Minarett-Verbot in der Schweiz, ist es mit dem Zusammenfließen der Kulturen nicht allzu weit her. Ist Ihre These nicht viel zu optimistisch, wenn nicht gar naiv?
Wir beschreiben immer wieder, dass sich politischer Antagonismus und sogar Krieg parallel zu kultureller Verschmelzung vollziehen. Für das Minarett-Verbot haben dort die meisten Menschen gestimmt, wo am wenigsten Moslems leben. In den kulturell regen Städten Zürich und Genf, wo unzählige „Ausländer“ entscheidende Impulse in den Kulturszenen setzen, war die Mehrheit gegen das Verbot. Unsere These wird gestützt von unzähligen historischen Beispielen, also ist sie – da kenntnisreich – das Gegenteil von „naiv“.

Sie schreiben, dass weltweit nur eine Regel gelten dürfe: die des gegenseitigen Mitgefühls und Verständnisses. Wie wollen Sie diese Regel einem Taliban-Kämpfer nahebringen?
Größere Schwierigkeiten hätte ich, diese Regel George W. Bush oder dem Chef von Goldman Sachs nahezubringen, aber da die gegenwärtige Medienpropaganda die Taliban als Symbol allen Bösen ausgemacht hat: Die meisten Männer in Afghanistan kämpfen seit nunmehr 180 Jahren gegen ausländische Okkupation, zuletzt fast ununterbrochen seit mehr als 30 Jahren. Eine derart brutalisierte Gesellschaft in eine Zivilgesellschaft zu verwandeln ist natürlich ein schwieriger und langjähriger Prozess, aber glauben Sie wirklich, dass diese Menschen von ihrem Kampf abgebracht werden können durch noch mehr Bomben und Gewalt? Durch fortwährende Militäreinsätze verrohen beide Seiten, wir erleben bei uns eine Remilitarisierung unseres öffentlichen Diskurses.

Was schlagen Sie vor?
Abgesehen von moralischen Überlegungen: Die Zahl der Taliban nimmt kontinuierlich zu, die Strategie der Nato funktioniert offensichtlich nicht im Geringsten. Was wirkungslos und zudem verwerflich ist, sollte von einer zivilisierten Gesellschaft beendet werden. Außerdem: Wie ist es um unsere Menschlichkeit bestellt? Wir lassen zu, dass Millionen von Kindern jährlich ohne zwingenden Grund sterben, wir zerstören unseren Planeten sehenden Auges. Wir verursachen immens viel Leid, nur tun wir es indirekt und können uns deshalb einbilden, die guten, die besseren Menschen zu sein.

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