Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur "Kristus" - Uraufführung im Ballhof
Nachrichten Kultur "Kristus" - Uraufführung im Ballhof
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:16 10.01.2011
Die Wiedertäufer sind los: "Kristus“ in der Regie von Mirko Borscht im Ballhof.
Die Wiedertäufer sind los: "Kristus“ in der Regie von Mirko Borscht im Ballhof. Quelle: Karwasz
Anzeige

VON EVELYN BEYER

HANNOVER. Es geht um die Wurst, beim ersten fatalen Sündenfall im neuen Jerusalem. Der Schmied hat die Kostbarkeit für sich gehortet, dabei soll doch allen alles gehören, in der hungernden, belagerten Stadt. Schlimmer noch, der Schmied hielt lästerliche Reden und hat die neuen Herren schlimmer als die alten gescholten. Sterben soll er dafür, auch wenn er Mitkämpfer der ersten Stunde war, fordert Jan. Und unter düsterem Rockgehämmer von „How to Destroy Angels“ wird der Rebell auf den Opferaltar geschleift.

„Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“: So wird der Traum vom gerechten Leben zum Alptraum. Immer wieder in der Geschichte, und eben auch damals, 1534/35, als die Wiedertäufer in Münster gegen die korrupte Katholische Kirche aufbegehrten und einen utopischen Gottesstaat errichten wollten, aber in 16 Monaten eine finstere Schreckensherrschaft schufen. „Kristus – das unerhörte Leben des Jan Beukels“ erzählt als knapp dreistündiges bilderflutendes und düsterrockumspültes Theaterepos am Jungen Schauspiel Hannover davon. Riesiger Applaus nach der Uraufführung im Ballhof Eins.

„Monster of Münster“ wollte Borscht das Stück im Untertitel nennen, der Verlag intervenierte, nun heißt es genau wie die – sehr frei genutzte – Romanvorlage von Robert Schneider. Vielleicht sogar treffender, denn Henning Hartmann als Jan Beukels, später Jan von Leiden, bleibt in allen Monstrositäten immer auch der sanfte Eiferer und gläubige Visionär, als der er begann. Wie er mit seinem naiv-fanatischen Blick zugleich das Heil zu sehen scheint und Unheil über seine Mitwelt bringt, das ist großes Schauspiel.

Von ihm, diesem todbringenden Kristus Superstar, Heilsprediger und Despoten, einem Wiedergänger der Menschheitsepochen, erzählt Mirko Borscht. Im flackernden Gegenlicht fährt er eisnebelumwobene Bilder aus dem christlichen Mythos auf, den Weg zur Kreuzigung als schmerzensreiche Prozession, die bei Jan den Wunsch auslöst, Kristus zu werden, aber auch Gegenbilder von Missbrauch, Heuchelei und Ablass-Schacherei.

Und Jan jammert auch mal „Scheiße, Scheiße“, als er aus seinem Gewaltrausch über der von ihm geschändeten Geliebten Else (Alice Dwyer) zusammenbricht. Und als die Wiedertäufer sich finden, darf jeder mal eine Predigt ins Mikro slammen, das hat was von Heilsbringerparty hier und heute. Das Gleichnis von der Gewalt, die im Ideal lauert, übersetzt sich mühelos von den Wiedertäufern ins Heute.

Wieder 13. und 23.1., 19.30 Uhr, Ballhof Eins.

Bewertung: 5/5