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Kultur Kraftwerk im Kraftwerk
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13:10 27.04.2009
Beeindruckend: Kraftwerk in Wolfsburg
Beeindruckend: Kraftwerk in Wolfsburg Quelle: Kris Finn
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VON HENNING QUEREN
WOLFSBURG. Eine knarzende Vocoder-Stimme kündigt sie an, die „Mensch-Maschine“. Langsam geht der Vorhang hoch und gibt den Blick frei auf den Kommandostand der klingenden Zeitmaschine. Kraftwerk im Kraftwerk.

Vier Leute, Gründer Ralf Hütter ganz links, in asketischer Choreografie vereint, die höchstens mal feines Kniewippen zulässt: An vier Laptopsäulen entstehen die bekannten live generierten Klangbänder für die fantastische Retro-Reise, die den heute schon wieder exotischen Reiz der Kraftwerk-Stücke ausmacht. Wenn der längst verschrottete „Trans-Europa-Express“ über malerische Schienenwege donnert, die „Tour de France“ in körnigen Schwarzweißaufnahmen sich abstrampelt und der gute alte Käfer über die „Autobahn“ rollt, kollidieren die 50er, 60er und maximal 70er wunderbar mit den minimalistischen Hymnen der Zukunft.

Radfahren und Biochemie: Der Hit ist der zweite Teil des Konzerts. „Mineral, Biotin“, singt Ralf Hütter, „Adrenalin, Endorphin.“ Dazu schweben gigantische Vitamintabletten hoch oben frei im Zuschauerraum herum, riesige bunte Pillen treiben zum Song „Vitamin“ zentimeternah an den Köpfen vorbei. Drogen wurden in der kurzen Konzertpause nicht verteilt, Brillen. Für einen überwältigenden 3-D-Zauber, einen heftigen Datenrausch, wenn etwa in „Computerwelt“ binäre Zahlen ihren Abschlussball feiern oder die Augen von den Strahlen der „Radioaktivität“ direkt geblendet werden.

Vor jedem Konzert (das letzte gestern Abend) ein Sicherheitscheck wie beim Betreten der Steuerzentrale eines Atommeilers, man hat berechtigte Angst vor einem explodierenden Schwarzmarkt für die Karten, die in Minuten ausverkauft waren. Jeder Besucher, viele davon aus dem europäischen Ausland, muss seinen ganz persönlichen Barcode zeigen, Scan, Abgleich mit dem Personalausweis, und erst dann gehts auf den schwankenden Steg übers Wasser zur Backstein-Burg. Selten gibts im Pop eine derartige Einheit von Ort und Musik, Kraftwerk im Kraftwerk, das taugt für ein kleines Stück Popgeschichte.

Dass nicht alles von der Festplatte kommt, zeigt dann eine nette Panne im ersten Teil des ersten Konzerts. Ein Synthi ist ausgefallen, „ist halt Live-Elektronik“, verkündet Ralf Hütter launig, kurze Pause, umstöpseln, neu starten und weiter gehts – rauf auf die „Autobahn“.
Pannenlos und in jeder Hinsicht perfekt das Mitternachtskonzert (bis zwei Uhr). Die vier Musiker der weltweit einflussreichsten deutschen Band sind fugenlos getaktet, das Zusammenspiel bringt jetzt die nötige hypnotische Qualität. Und der Sound ist ziemlich überwältigend in seiner klangsatten und nicht zu lauten Klarheit, der bauchfettvernichtende Tiefstbass kommt ohne jedes Dröhnen. Rausschmeißer mit typischer Kraftwerk-Ironie: „Musique non stop“ puckert vor sich hin, ein Mitglied nach dem anderen verabschiedet sich, zuletzt Ralf Hütter, Hand aufs Herz, Verbeugung, Licht an. Musique stop. Und was für ein Konzert. *****