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Kultur Keine Spur von geraubten Picasso-Gemälden aus Hannover
Nachrichten Kultur Keine Spur von geraubten Picasso-Gemälden aus Hannover
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21:46 01.02.2010
Noch immer nicht aufgetaucht: Die gestohlenen Picasso-Bilder „Pferdekopf“ (links) und „Glas und Karaffe“ aus dem Sprengel Museum. Quelle: afp
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Die Diebe schlugen an einem Mittwoch kurz nach Schließung des Museums zu. Sie drangen durch einen manipulierten Notausgang ein und erbeuteten Ikonen der Kunstgeschichte, zwei Picasso-Gemälde: „Pferdekopf“ von 1962 und „Glas und Karaffe“ von 1944. Diese hingen in nächster Nähe der Nottür. Der Alarm schrillte. Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma eilten herbei und verständigten die Polizei. Es ging schnell, aber nicht schnell genug. Die Diebe konnten entkommen. Die am 6. Februar 2007 im Seedamm-Kulturzentrum im schweizerischen Pfäffikon geraubten Gemälde aus dem Sprengel Museum Hannover sind zwei Jahre nach der Tat immer noch verschwunden.

Die Versicherung Axa Art hat damals eine Belohnung ausgesetzt: 10 000 Franken (6000 Euro). Der Versicherungswert der Bilder wurde vor zwei Jahren mit drei Millionen Euro beziffert. Inzwischen hat die Versicherung Entschädigungssummen an die Stadt Hannover für den „Pferdekopf“ und an die Sprengel-Stiftung für das Stillleben gezahlt. Es floss jeweils etwas über eine Million Euro. „Das liegt unter der ursprünglich angegebenen Versicherungssumme, weil die Preise für Kunst inzwischen gefallen sind“, erklärt die Sprengel-Tochter Angela Kriesel mit einigem Bedauern. Sie hielt bereits die ursprüngliche Schätzung für zu niedrig.

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Die Sprengel-Stiftung habe die Summe angelegt, so Kriesel, „in der Hoffnung, dass wir das Bild wiederbekommen und dann fähig sind, mit der Versicherung Geld gegen Bild zu tauschen“. Auch die Stadt habe das Geld angelegt, sagt Kulturdezernentin Marlis Drevermann.

Immer wieder, sagt Drevermann, klingeln im Rathaus wegen des Pfäffikon-Raubs die Telefone. „Es hat mehrere Hinweise gegeben, die dann aber ins Dunkle versickert sind. Spuren führten bis nach Südosteuropa.“ Ulrich Krempel, Direktor des Sprengel Museums, bestätigt, „dass es hinter den Kulissen immer wieder Bewegung gibt“. Würde er es wagen, wie sein Kollege vom Wiener Kunsthistorischen Museum im Fall des „Saliera“-Raubs, zu geheimen Treffen zu gehen? „Wenn nötig, ja“, sagt Krempel. Insgesamt sei die Lage unübersichtlich: „Kriminelle sind seit der Öffnung der Ostgrenzen auf vielen Märkten unterwegs.“ Krempel zitiert einen hannoverschen Bankier: „Wenn die Welt die Ökonomisierung der Kunst so weit vorangetrieben hat, darf sie sich nicht wundern, wenn sich kriminelle Elemente der Kunst bemächtigen.“

Die in Kassel lehrende Kunsthistorikerin und -detektivin Ulli Seegers sagt: „Man darf nicht glauben, dass nichts mehr passiert, wenn ein Fall länger zurückliegt, schon gar nicht, wenn es sich wie im Pfäffikon-Fall um unschätzbare ideelle Werte handelt. Zwei bis drei Jahre nach einem Diebstahl fängt es für die ­Jäger oft erst an, interessant zu werden. Hehler, Diebe und Gauner beginnen, sich allmählich auf der sicheren Seite zu fühlen. Sie denken, es sei Gras über die Sache gewachsen.“

Maja Pertot Bernard, in London für das Art Lost Register (ALR) tätig, eine rund 250 000 gestohlene Werke auflistende ­Datenbank, sagt: „Diebstähle beschäftigen die Polizei, solange es Spuren gibt. Die Fälle werden eine Weile offengehalten und wieder aufgenommen, wenn etwas Neues zutage kommt.“ Bei wertvollem Diebesgut informiere die zuständige Polizeistelle Interpol, die die Daten in ihre für jedermann einsehbare Datenbank stelle, so auch die Angaben zu den hannoverschen Picasso-Bildern.

Die Auffindungsrate für Werke von hohem Wert liege bei 20 Prozent, sagt Bernard. 40 Prozent der Funde würden in anderen Ländern als jenen gemacht, in denen der Diebstahl passiert sei. An der Spitze der am häufigsten entwendeten Werke stünden seit Jahrzehnten unangefochten Picassos. 659 Picasso-Werke sind beim ALR als gestohlen oder vermisst geführt. Der Spanier rangiert in der Diebstahlstatistik vor Joan Miró (397) und Marc Chagall (347).

Herausragende Bilder werden laut ALR aus zwei Gründen gestohlen: aus Naivität – die Täter hören von den exorbitanten Summen, die Werke auf dem legalen Markt erzielen, und machen sich nicht klar, dass prominente Werke so gut wie unverkäuflich sind. Oder es handelt sich um „Trophy Thefts“, die sich in der Unterwelt damit brüsten: „Ich bin der Kerl, der Picassos gestohlen hat.“

Die Täterprofile sind in kaum einer anderen Diebstahlsgattung so schwer zu bestimmen wie beim Kunstraub. So ging die Polizei 1961, als aus der Nationalgalerie in London Goyas „Porträt des Duke of Wellington“ gestohlen wurde, von Vollprofis aus. Der Übeltäter aber war ein kauziger Arbeitsloser. Profis entwendeten hingegen 1992 acht Gemälde von Lucas Cranach d. Ä. und seiner Schule aus dem Weimarer Schlossmuseum. Auf einem Parkplatz im niedersächsischen Northeim wurden die Täter wenig später von einem Spezialtrupp überwältigt.

Mitunter dauert es Jahrzehnte, bis ein Werk wiederauftaucht. Vor einigen Monaten musste das „Porträt des Major George Maule“ von Johann Joseph Zoffany in London aus einer Auktion genommen werden. Nachkommen des Majors hatten sich gemeldet, als sie eine Abbildung in einer Zeitung entdeckt hatten. Das Bild war vor 30 Jahren geraubt worden. In den neunziger Jahren erwarb es der Modezar Gianni Versace.

Auch die Auffindung der Picasso-Werke aus Hannover könnte lange auf sich warten lassen. Die Fahnder, sagt Stefan Horsthemke vom Kunstversicherer Axa Art, gehen „von professionellen Tätern aus, die im Kunstbereich Amateure sind“. Es könne möglicherweise auch ein Zusammenhang mit dem wenige Tage nach der Tat in Pfäffikon begangenem Kunstraub in Zürich bestehen. Aus der Sammlung Bührle wurden damals vier Werke gestohlen. Zwei davon – ein Bild von Paul Cézanne und eines von Edgar Degas mit einem geschätzten Wert im dreistelligen Millionenbereich – sind noch verschwunden. Möglicherweise waren in beiden Fällen dieselben Täter am Werk.

Vor etwa einem Jahr gab es in Schweizer Zeitungen die Meldung, DNA-Spuren hätten im Bührle-Fall zu sogenannten Rammbockräubern geführt. Das sind Kriminelle, die mit Autos Luxusläden rammen und ausräumen. Doch dann war nichts mehr davon zu hören.

Aus einer Quelle, die ungenannt bleiben möchte, ist zu erfahren, manche heiße Spur ende an Schweizer Zolllagern. Auf diese hat die Polizei keinen Zugriff. Lagern etwa dort die Picassos aus Hannover, in Pappe oder Plastik gehüllt? Man wird es, solange sich die Gesetzeslage nicht ändert, kaum erfahren. Und so bleibt nichts, als weiter zu rätseln – und zu hoffen.

Johanna di Blasi