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Kultur Katja Gaudard ist Brechts „Arturo Ui“
Nachrichten Kultur Katja Gaudard ist Brechts „Arturo Ui“
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17:08 17.01.2019
Auf der Probenbühne in Bornum: „Arturo Ui“-Darstellerin Katja Gaudard. Quelle: Frank Wilde
Hannover

Gangsterboss, Führer-Figur, Leitwolf – das klingt nach einer Paraderolle für Schauspielerin Katja Gaudard. Sie übernimmt in Claudia Bauers Inszenierung von Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ den Titelpart. Warum das eine gute Idee ist, erklärt sie im NP-Interview.

Sie spielen den Arturo Ui – das ist doch mal eine schöne Rolle zum Abschied, oder?

Ja, das ist allerdings fein, wobei man ja sagen kann, die Figur ist vielleicht nicht gerade der Ober-Sympath. Abschied? Geblieben bin ich viel länger als gedacht. An diesem Ensemble und dieser Stadt ist mein Herz hängengeblieben. Ein toller Chef, spannendes Suchen und gute Leute, die hier arbeiten. Aber ich denke, das Leben muss sich auch einmal durchschütteln.

Die Besetzung einer klassischen Männerrolle mit einer Frau dürfte der kommenden Intendantin jedenfalls gefallen ...

Das weiß ich nicht. Es klingt jedenfalls spannend, was Sonja Anders vorhat. Ich weiß nicht, ob ich zur Besetzung von Arturo Ui eine #MeToo-Debatte führen will. Sie ist wichtig, aber mir geht es immer um Perspektivwechsel. Mich interessiert weniger, wie eine Frau an dieser Stelle handeln würde, sondern dass hier ein Wesen steht mit einem unbedingten Willen zur Macht. Es geht um die Spielerpersönlichkeit, das Wesenhafte, das Sinnliche, was ich bei Claudia Bauer immer toll finde. Schön ist doch, wenn der Zuschauer irgendwann vergisst, ob dort eine Frau oder ein Mann spielt oder er sich dazu selbst etwas denken darf. Für mich geht es im Theater jedenfalls darum, Räume aufzumachen.

Wie nahe bleiben Sie sonst beim Brecht?

Sehr, finde ich. Wir sind sehr genau bei der Untersuchung des Stücks, seiner Sprache, seiner Dramaturgie.

Es ist eines der großen Brecht-Stücke, deren Premiere er nicht mehr erlebt hat, das er auch in der Inszenierung nicht, wie sonst bei ihm üblich, weiter bearbeiten konnte. Verändert das Ihre Arbeit?

Wir haben uns die Frage gestellt: Wie fertig war Brecht mit diesem Stück und wie hätte es ausgesehen, wenn er es selbst inszeniert hätte? Aber der Boden ist bereitet: gut und sehr genau.

Welchen Boden nutzen Sie? Was erzählen Sie?

Sie meinen, ob wir das Gangster-Szenario in Chicago erzählen oder woanders? Ich denke nicht, dass es zwingend nötig ist, das Geschehen in einer Al-Capone-Szenerie anzusiedeln. Ich könnte mir vorstellen, dass Brecht heute durchaus auch Spaß daran hätte, weitere Fantasien, die die Verfremdung bedienen, zu sehen. Grundsätzlich geht es um die Erfahrung einer Krise. Darum, wie es kommen kann, dass eine Figur wie der Ui aufsteigt.

Für Brecht war die Ansiedlung in Chicago durchaus ein Kunstgriff, um in den USA wahrgenommen zu werden.

Genau. Er hat scheinbar in Finnland gerade auf sein Visum gewartet.

Und die Amerikaner waren empört über die Darstellung, dass so etwas wie der Aufstieg eines Führers überall, also auch in den USA passieren könne ...

Najaaaaa, man muss nicht weit gucken, um zu sehen, was mancherorts aus dem Boden wächst, wenn sich die Menschen entmachtet fühlen. Übrigens habe ich gelesen, dass die Wirtschaft interessanterweise in Zeiten der Krise auf starke Führerpersönlichkeiten setzt, wo sie sonst eher schwächere Naturen fördern würde. Bei Brecht bejammern auch erst die Wirtschaftsbosse die Krise, der „kleine Mann“ ist nur als Schatten da. Das ist bei Brecht, denke ich, sehr bewusst gesetzt. Ich kann schon nachvollziehen, dass der heutige Mensch, der im Durchaus-Wohlstandsstaat Deutschland mit 800 Euro und weniger im Monat herumkrebsen muss, was ich übrigens eine Sauerei finde, sein Vertrauen in „die da oben“ verlieren kann. Und dann haben wir eine Politik, die vor den Problemen sitzt wie ein Kaninchen vor der Schlange und sich nicht bewegt ...

... und dann sind die mit den scheinbar leichten Lösungen gefragt.

Ja, und damit ist der Bezug zum Hier und Heute gesagt.

Die zentrale Frage stellt schon der Titel: Wie aufhaltsam ist der Aufstieg eines Arturo Ui?

Wenn das Theater es schafft, diese Frage zu stellen, aber nicht zu beantworten, dann bleibt es spannend.

Und das Theater als Ort der Utopie zeigt keinen Gegenentwurf?

Was kann Theater? Es kann erinnern, es kann spiegeln, es kann still sein, laut sein, nerven, großartig sein, größenwahnsinnig sein, bescheiden, es kann Unterhaltung sein. Für mich geht es um das lustvolle Verarbeiten von Welt. Ein moralisches Lehrstück mag man ja heute vielleicht nicht mehr so. Aber der Satz aus dem Epilog gilt noch: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Das Stück

„Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ ist eine Parabel auf die Machtergreifung Hitlers. Bertolt Brecht schrieb das Stück 1941 im finnischen Exil und verlagerte die Handlung in Chicagos Gangsterszene, weil er hoffte, dass es in den USA uraufgeführt werden würde, der nächsten Station seiner Flucht vor den Nazis.

In den USA war man jedoch empört über die Annahme, der Aufstieg einer Führerfigur sei überall möglich. Die Uraufführung fand letztlich nach Brechts Tod statt, 1958 in Stuttgart.

Claudia Bauers Inszenierung des Stoffs feiert am 15. Januar 2019 im Schauspielhaus Hannover Premiere.

Von Stefan Gohlisch

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