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Kultur Kasimir und Karoline: Wo die Liebe erfriert
Nachrichten Kultur Kasimir und Karoline: Wo die Liebe erfriert
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10:29 13.03.2012
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LIEBT DIE HERAUSFORDERUNG: Regisseurin Felicitas Brucker. Quelle: Ralf Decker
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Hannover

Ihr erster hannoverscher Erfolg war "Ulrike Maria Stuart" von Elfriede Jelinek. Das war tollkühn, weil damals die berühmte Hamburger Inszenierung von Nicolas Stemann in aller Munde war. Was hat Sie damals angetrieben?

An dem Text interessierte mich die Generation der Kinder, die den Mythos und die Motivation der RAF von heute aus befragt, ohne dass sie nur Popstars oder Ikonen in ihnen sieht. Es wird bis heute viel vom Utopieverlust gesprochen, den ich so gar nicht sehe. Ich empfinde die letzten zehn, zwanzig Jahre nicht als desillusionierte Zeit, die die 70er und 80er Jahre nur verlacht als naiven Glauben. Vielmehr gibt es heute eine große Sehnsucht nach innerem Furor und politischer Klarheit.

Ihr "Herzog Theodor von Gothland" hätte in der vergangenen Spielzeit zum Riesenerfolg werden können, wenn nicht dieser schreckliche Bühnenunfall mit Hauptdarsteller Bernd Grawert passiert wäre.

Darüber möchte ich nicht sprechen. Was da geschehen ist, geht mir sehr nahe.

Warum sind Sie diesen gewaltigen Brocken von Christian Dietrich Grabbe überhaupt angegangen?

Ich habe das Stück vorgeschlagen, weil es eine Welt beschreibt, die aus den Fugen geraten ist, in der man nur noch mit Verzweiflung aktiv werden kann. Wahrheit und Unwahrheit, Korruption und Loyalität sind nicht mehr unterscheidbar, der innere Krieg wird zum äußeren Vernichtungskrieg. Das berührt sich mit Meldungen, die heute auf uns einstürzen. Für mich beschreibt Grabbe ein Zeitbild, das Ängste auslöst vor dem Verlust aller moralischen Werte und die Hybris der ‚stolzen Burg Europa‘ erschüttert.

Was hat Sie nun zu Horváth geführt?

"Kasimir und Karoline" war ein Vorschlag des Theaters, stand aber schon lange auf meiner Wunschliste. Auch in diesem bitteren und humorvollen Stück zeigt sich eine Verzweiflung in unserer Gesellschaft. Da gibt es am Ende diese Replik: "Die Leut sind halt alle nervös und vertragen nichts mehr. Ein jeder hat nur um sich geschlagen. Es ist so eine Zeit, die ganze Atmosphäre ist elektrisch geladen. Die Nerven gehen halt durch."

Klingt aktuell.

Ich sehe darin einen Ausdruck für die Wut der Leute und ihre Bereitschaft, auf die Straße zu gehen und ihr Empfinden der Ungerechtigkeit kundzutun. Zugleich aber ein Bild für die Suche nach einem Ventil und die Unfähigkeit, politische Programme und Gruppen zu formieren. Die Vorfälle der letzten Zeit innerhalb und außerhalb Deutschlands zeigen, dass die Toleranzgrenze sinkt und die Bereitschaft zu Gewalt und Rebellion steigt. Auf der anderen Seite existiert der große Wunsch, wenigstens für einen Abend dieser Realität zu entfliehen und auf ein Fest zu gehen. Das ist der Ausgangspunkt des Stückes.

Vordergründig geht es um eine Liebe, die auf dem Oktoberfest kaputtgeht.

Mich fasziniert an der Geschichte, dass man die private Dimension von der politischen nicht trennen kann, das wird im Stück mehrfach von den Figuren selbst diskutiert. Dass Kasimir am Anfang seinen Job verliert, ist der erste Dominostein, der alles andere zu Fall bringt. Diese Arbeitslosigkeit hebelt alles aus. Ein Mensch, der seinenJob verliert und kein Geld mehr hat, ist in seinen Augen und in denen seiner Mitmenschen einfach nicht mehr derselbe. Am Ende ist die Liebesbeziehung kaputt, das Herz zerrissen, mag das auch kitschig klingen, und die Liebe erfroren.

Eine unglückliche Beziehungskiste?

Eine exemplarische Beziehungskiste. Vor dem Hintergrund des Illusionsapparates Volksfest in unserer Zeit. Wir wollen hier keine "Draufsicht" auf Sozialfälle erzeugen, indem man diese auf die Präsentierplatte legt und sich als Theater darüber erhebt. Aber nachvollziehbar zu machen, wie es den Leuten geht, wenn sie aus der Gesellschaft rausfallen, eine Empathie zu wecken - das ist ein Anliegen des Abends.

Premiere 17. März, 19.30 Uhr, Schauspielhaus.