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Kultur Kamensek wird ab 2011 das Staatsorchesters leiten - für ein Konzert war sie schon da
Nachrichten Kultur Kamensek wird ab 2011 das Staatsorchesters leiten - für ein Konzert war sie schon da
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19:44 12.03.2010
„Sie müssen über die Grenze gehen“: Karen Kamensek.
„Sie müssen über die Grenze gehen“: Karen Kamensek. Quelle: Steiner
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Das „Spiel der Wellen“ ist ein echter Kraftakt. Im zweiten Satz von Claude Debussys sinfonischer Dichtung „La Mer“ sollte das Meer eigentlich im Sonnenlicht glitzern und funkeln, aber jetzt in der Probe klingt es eher noch nach Küstennebel. Karen Kamensk lässt sich davon nicht entmutigen. Unverdrossen macht sie sich daran, den Klang zu lichten. „Hier brauchen wir mehr Energie“, ruft sie den Musikern des hannoverschen Staatsorchesters zu, oder: „Sie müssen über die Grenze gehen.“ Ein Crescendo soll lauter, eine Melodie weitergeführt werden. Solcher Extremismus im Detail ist anstrengend für Musiker und Dirigentin. Am Ende aber klingt die Passage meistens viel besser – und sofort wird die nächste in Angriff genommen. Auf diese Weise wird die Sonne über Debussys Klangmeer im sechsten Sinfoniekonzert am Sonntag und Montag voraussichtlich prächtig scheinen – und vielleicht ist das ganze Orchester sogar schon bei seinen nächsten Projekten eine Spur mutiger.

Vom kommenden Jahr an wird Karen Kamensek als Generalmusikdirektorin die Geschicke des Staatsorchesters leiten. Dann wird sie versuchen, das Orchester dauerhaft in ihrem Sinn weiterzuentwickeln und dabei wohl kein Risiko scheuen: „Mir ist es lieber, dass mir im Konzert das Heft aus der Hand fliegt, als dass es langweilig wird“, sagt sie. Weil viele Orchester oft unter verschiedenen Dirigenten arbeiten müssen, hätten sich manche Klangkörper daran gewöhnt, auf Sicherheit zu spielen. Kamensek aber musiziert lieber „leidenschaftlich als aseptisch“. Es ist daher gut möglich, dass nicht alle Musiker von ihrer Einstellung begeistert sind.

Doch noch ist es ja nicht so weit. Dieser Tage ist die 40-jährige Amerikanerin nur als Gastdirigentin in der Stadt. Schon vor zwei Jahren wurde sie für die beiden Konzerte verpflichtet, da war von dem Chefposten in Hannover noch keine Rede. Es ist purer Zufall, dass die endgültige Entscheidung für sie nur wenige Tage vor Probenbeginn verkündet wurde. Das Orchester habe sie neugierig und offen aufgenommen, sagt Kamensek über das erste Zusammentreffen unter den neuen Vorzeichen und scheint damit ganz zufrieden zu sein. Blumen gibt es ja sowieso nach dem Konzert.

Auch das Publikum kann auf den ersten Blick eine Veränderung bemerken, an die es sich im kommenden Jahr gewöhnen wird: Kamensek bevorzugt die alte deutsche Sitzordnung, bei der Erste und Zweite Geigen nicht mehr nebeneinander, sondern einander gegenüber sitzen. Die Dirigentin sieht darin gleich zwei Vorteile: In vielen Stücken komme so die einkomponierte Stereofonie zwischen zwei Stimmen besser zur Geltung. Und zum anderen würden die oft zur Begleitung verdammten Zweiten Geigen aus dem Schatten der Ersten treten – und so den Gesamtklang des Orchesters verbessern. Besonders beeindruckt ist die Amerikanerin von der Sitzordnung in Wien, wo sie an der Volksoper ihre erste Stelle hatte. Darum werden bei ihr die Kontrabässe auf der linken Seite zu finden sein, und Cello und Bratschen in der Mitte. „Ich mag es, wenn diese tiefen Klänge mitten aus dem Orchester kommen“, sagt sie.

Wenn sie auf dem großen Podest vor den Musikern steht, wird aus der kleinen, zierlichen Frau ein wahres Kraftpaket. Ihr Schlag ist energetisch, doch die kräftigen Impulse werden im ganzen Körper elegant abgefedert. Manchmal stellt sie ein Bein vor das andere wie ein Läufer am Start – so lange, bis das ganze Orchester ihr folgt. Umgekehrt ist sie aber auch jederzeit dazu bereit, sich auf Partner einzustellen. Der Tag beginnt mit einer Verständigungsprobe mit der Solistin Evgenia Rubinova, die an diesem Morgen zum ersten Mal dabei ist. Bei der Abstimmung mit der Pianistin entwickelt Kamensek den Pragmatismus einer echten Operndirigentin: Sie warnt das Orchester nach langen Pausen schon einige Takte vor seinem Einsatz und markiert mit einem Handschlag die Ziffern, die die Partitur von Ravels Klavierkonzert in einzelne Abschnitte gliedert.

Nach der Pause sagt sie dann zum ersten Mal „wir“, wenn sie das Orchester meint. Bei Berlioz fordert sie „viel mehr Effekt, viel mehr Show“. Dann bittet sie: „Können wir das noch einmal spielen?“ Es klingt schon weniger nach ärztlicher Fürsorge, als nach echter Identifikation.

Karen Kamensek dirigiert Werke von Berlioz, Ravel, Messiaen und Debussy im sechsten Sinfoniekonzert des Niedersächsischen Staatsorchesters am Sonntag um 17 Uhr und am Montag um 19.30 Uhr, Karten: (05 11) 99 99 11 11.