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Kultur Kalkofe und Mentzel in Hannover
Nachrichten Kultur Kalkofe und Mentzel in Hannover
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19:58 05.03.2012
Fesselnde Vorstellung: Oliver Kalkofe (stehend) mit Achim Mentzel.
Fesselnde Vorstellung: Oliver Kalkofe (stehend) mit Achim Mentzel. Quelle: Heusel
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Hannover

Der vorige Auftritt von Achim Mentzel in Hannover fiel unspektakulär aus. Der Entertainer aus Cottbus mit dem charmanten Schnauzer und mit Stimmung in jeder Lockenspitze sang bei der Verbrauchermesse Infa zwischen sitzenden Rentnern samt Sparschäler und Vakuumierer in der Tasche. Viele Konzertbesucher nutzten den Auftritt zur Erholung. Bei Mentzels "Hier fliegt heut’ die Kuh!" wurde eher geschnarcht als geklatscht.

Der Werbestar für Spreewaldgurken erklärte damals, nur ein paar Konzerte im Jahr im Westen zu spielen. Er sei trotz einstigen Spielverbots und Verurteilung wegen Republikflucht eher im Osten zu Hause. Nun nahm sich ausgerechnet Medienkritiker, Schimpftiradeur und Zonenzotenlieferant Oliver Kalkofe des Schlagersängers an. Im ausverkauften Pavillon erzählten die zwei in Hannover ihre persönliche und versöhnliche Geschichte der Völkerverständigung.

Alles begann mit einer Ausgabe von "Kalkofes Mattscheibe" im Jahr 1995, in der Oliver Kalkofe besonders dämliche TV-Ausschnitte persiflierte. Sein Team stieß dabei schnell auf "Achims Hitparade" des MDR, eine Art Schlagerrevue samt grenzwertigen Gesangsdarbietungen und sonderbar bunten Kostümen. "Zonis spielen Volksmusik, ich wünsch mir den Moik zurück", resümierte Kalkofe und beschrieb Mentzel als zotteliges Urviech mit Terminen beim Hundefriseur, als Praktikant von Frankenstein und als Mischung aus Tony Marshall, dem Yeti und einem überfahrenen Hamster.

Während andere von Kalkofe persiflierte Stars Beschwerdebriefe schrieben und Anwälte bemühten, reagierte Achim Mentzel souverän. Er ließ in seiner Sendung schlicht eine Schultafel aufstellen, auf der "Kalki ist doof" stand. Beeindruckt von so viel Schlagfertigkeit, kamen die Unterhaltungsschwergewichte ins Gespräch und begannen, nun gemeinsam über die Abgründe des Fernsehens zu lästern. "Ich sagte zu meiner Frau, jetzt geht’s los, jetzt geht’s in den Westen", erinnert sich Mentzel - und tatsächlich wurde er zu einer Art Maskottchen der Sendung. Und wird nun auch in Hannover frenetisch gefeiert.

Das gemeinsame Programm schildert dabei die Genealogie der Zusammenfindung. Kalkofe zeigt Videos von Mentzels ersten Auftritten, es gibt eine Diashow und musikalische Einlagen, zu denen Kalkofe Gurken ins Publikum wirft. Und weil dieser Ideenansatz für höchstens 20 Minuten Show taugt, der Abend aber drei Stunden dauern soll, laufen dazu die geliebten "Mattscheibe"-Ausschnitte.

Außerdem gibt es ein wunderbar komisches Wiedersehen mit Fips Asmussen ("Einen hab ich noch"), Dolly Buster und einer DDR-Werbung, die die Vorteile einer Kraftstoffanzeige im Trabant erklärt, als wäre sie die Entdeckung des Feuers.

Die meisten Besucher kennen die Clips auswendig und feiern jeden Kalkofe-Kommentar. Der Pavillon-Auftritt ist längst zum Fanklubtreffen geworden, und der Star beantwortet gern offene Fragen. Ja, der Film "Der WiXXer III." sei in Vorbereitung, es solle neue "Mattscheibe"-Folgen geben, Mentzel bleibe dabei. Nur der Zeitpunkt für alle Projektideen sei noch unklar. "ProSieben hat noch eine Menge Qualitätsprogramm, das noch weggesendet werden muss", erklärt Kalkofe ironisch.

So hat der Abend etwas von Werkstattcharakter, wobei sich der Erkenntnisgewinn in Grenzen hält. "Glücklich ist, wer vergisst, wie verlogen das Fernsehen ist", reimt der TV-Kritiker. Das ist auch nicht neu, aber wenn selbst Achim Mentzel dazu nickt, muss ja was dran sein.

Stefan Arndt 05.03.2012
03.03.2012