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Kultur Jussi Adler-Olsen: „Ich bin einfach ich“
Nachrichten Kultur Jussi Adler-Olsen: „Ich bin einfach ich“
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13:33 19.03.2011
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Wenn er wieder irgendwo über sich liest, er sei der „neue skandinavische Krimi-König“, zuckt Jussi Adler-Olsen zusammen. „Fürchterlich“, sagt er. „Ich schreibe doch keine Krimis! Wenn die Leute mir schon einen Titel geben müssen, dann bitte Thriller-König.“ Darum mag der Däne es eigentlich auch nicht, in einem Atemzug mit Krimiautoren wie dem Schweden Henning Mankell genannt zu werden. „Ich bin auch nicht der nächste Stieg Larsson oder Jo Nesbo - ich bin einfach ich“, sagte der 60-Jährige der Nachrichtenagentur dpa in Köln, wo er am Wochenende am Literaturfestival Lit.Cologne teilnahm.

„Wenn jemand mich mit anderen Autoren vergleichen will, sitze ich in meiner Ecke und schmunzle“, sagt Adler-Olsen - und man glaubt es ihm. Denn der Mann mit dem grauen Bärtchen lacht und gestikuliert viel. „Ich habe seit Jahren keinen Thriller und keinen Krimi gelesen. Ich will nicht von jemand anderem beeinflusst werden.“

In Deutschland ist Adler-Olsen zurzeit einer der erfolgreichsten Thriller-Autoren. Seine beiden bisher einzigen auf Deutsch erschienenen Bücher - „Erbarmen“ und „Schändung“ - schafften es 2010 unter die „Top 5“ der „Spiegel“-Jahresbestsellerliste. „Schändung“ steht noch immer unter den besten zehn.

Hauptfigur seiner Bücher ist der muffelige Ermittler Carl Morck, den seine Vorgesetzten im Kopenhagener Polizeipräsidium ins eigens für ihn geschaffenen „Sonderdezernat Q“ abgeschoben haben. Dort soll er alte ungelöste Fälle neu aufrollen. Ihm zur Seite steht sein geheimnisvoller syrischer Assistent Assad - ein etwas naiv wirkender Querdenker mit den entscheidenden Ideen, wie bei Sherlock Holmes und Dr. Watson. Dritte im Bunde ist die chaotische, aber liebenswürdige Rose.

„Carl, Assad und Rose entwickeln sich immer weiter“, erläutert Adler-Olsen. „In jedem Buch erfährt der Leser zum Beispiel etwas mehr darüber, was der Hintergrund für Assads seltsames Verhalten sein könnte - aber aufgelöst wird es erst ganz am Schluss.“ Auf neun bis elf Bücher hat er die Carl-Morck-Serie angelegt. Adler-Olsen schreibt gerade am fünften. In Deutschland erscheint im Sommer das dritte mit dem Titel „Erlösung“.

Die Fälle für sein Ermittlertrio entdeckt der 60-Jährige beim Zeitungslesen. „Ich finde zwischen den Zeilen die Geschichte, wie sie sich entwickeln könnte. Wenn ich das erste kleine Teil für eine Story habe, ergibt sich alles andere daraus.“ Dieses Teil könne zum Beispiel ein ungewöhnlicher Ort sein - wie die Unterdruckkammer, in der das Opfer in „Erbarmen“ jahrelang gefangen gehalten wird. „Das ist grausam, aber die Wirklichkeit erweist sich oft als grausamer“, meint Adler-Olsen. “„Erbarmen“ habe ich geschrieben, bevor Fälle wie Natascha Kampusch oder Josef Fritzl bekannt wurden.“

Seit 1995 schreibt Adler-Olsen Bücher, doch sein beruflicher Weg führte über viele Stationen: Er war Redakteur, betrieb einen Comic-Laden, koordinierte die dänische Friedensbewegung, war Manager und saß im Aufsichtsrat verschiedener Energiekonzerne. „Ich investiere gerne in gute Ideen“, sagt er, und winkt gleichzeitig ab: „Das Berufliche ist für mich nicht so wichtig. Du kannst hier was verlieren und dort was gewinnen. Aber letztlich kommt es doch drauf an, dass privat alles stimmt“, meint der Däne, der verheiratet ist und einen Sohn hat.

Dass skandinavische Autoren in Deutschland so gut ankommen, habe wohl etwas damit zu tun, „dass wir irgendwie exotisch sind“, vermutet Adler-Olsen. „Die Winter bei uns sind länger, dunkler und kälter - deshalb hatten wir schon immer die Tradition, Geschichten zu erzählen über unsere raue Gegend und verrückte Typen.“ Das wirke offenbar geheimnisvoll und mache andere neugierig. Außerdem hätten die Deutschen noch eine besondere Eigenschaft, meint der Autor: „Sie sind nach außen hin sehr förmlich, aber privat so ähnlich wie die Dänen: Humorvoll und offen.“ Diese Ähnlichkeit sei wohl einer der Gründe, warum seine Bücher bei deutschen Lesern so beliebt sind.

dpa