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Kultur Julia Roberts in "Spieglein Spieglein"
Nachrichten Kultur Julia Roberts in "Spieglein Spieglein"
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06:16 09.04.2012
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HIER ZÄHLEN ÄUSSERE WERTE: Die böse Stiefmutter (Julia Roberts, links) begutachtet Schneewittchen (Lily Collins). Quelle: StudioCanal
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Hannover

Es war einmal ... ein Märchen der Brüder Grimm. Das lag im Wald der Wunder herum und setzte Schimmel an. Bis ein indischer Kinoprinz des Weges kam, es säuberte, bunt anmalte und zu neuem Leben erweckte. So wurde aus „Schneewittchen“, das seit Walt Disney unterm Zuckerguss vermooste, ein pralinésüßer Cracker mit minzig-mildem Robin-Hood-Geschmack.

Da gibt es immer noch die böse, attraktive Stiefmutter und das fade Königstöchterchen, den Spiegel und den Kampf der Generationen - weil das Spieglein Schneewittchen (Lily Collins) und nicht die scharfe Stiefmutter (Julia Roberts) in den Schönheitscharts ganz oben sieht. Also muss die Tochter im finsteren Wald das Weite suchen. Die Zwerge dort sind allerdings keine putzigen Kumpel voll drolliger Marotten, sondern eine kriminelle Bande Kleinwüchsiger. Wenn sie auf Stelzen durch die Gegend stapfen, ist keine Kutsche vor ihrem Zugriff sicher.

Bis das königliche Schätzchen auftaucht. Schneewittchen weiß, wie die Leute darben, weil die Königin das Letzte aus ihnen herauspresst. Da in Schneewittchen die Gerechtigkeitsader ungefähr so stark pulsiert wie in ihrer Stiefmutter der Schönheitswahn, bekehrt sie die räuberischen Liliputaner zu großzügigen Gebern in der Not und zettelt auch noch eine Revolte im Dorf an. So ein Emanzen-Schneewittchen braucht im Grunde gar keinen schlaffen Prinzen, bekommt ihn aber trotzdem. Dann besiegt es auch noch ein haariges Monster und biegt das Ding mit dem Apfel ganz anders hin als bei den Grimms.

So hat Regisseur Tarsem Singh („The Cell“, „The Fall“) aus der erbaulichen Moritat vom verbannten Mädchen das pfiffige, überschäumende Fantasy-Märchen „Spieglein Spieglein“ gemacht. Da spritzen Bienen der Königin beim Schönheitsschlammbad die Lippen auf, maniküren Maden die Fingernägel und lecken Fische ihre Haut. Da klebt das Schloss bedrohlich auf einer Felsklippe. Da leuchtet der Schnee tatsächlich schneewittlich, ist der Eingang zum Spieglein-Reich auf dem See eine Augenweide, brennt der Giftapfel glutrot und mündet alles Leid in ein quietschfröhliches Bollywood-Finale.

„Spieglein Spieglein“ ist vor allem eines: eine opulente Fantasie, in der die Roben mächtig rauschen. Allerdings hat Tarsem Singh auch listig besetzt. Oder wer wäre darauf gekommen, Julia Roberts - romantisches Ebenbild der verfolgten Unschuld und des Mädchens von nebenan - zur bösen Königin zu machen? Roberts scheint es gefallen zu haben. Sie präsentiert sich jedenfalls aufs Schönste in ihrer Märchengarderobe. Tut uns leid: Diese Königin ist wirklich die Allerschönste im Land!

Bewertung: 4/5

„Spieglein Spieglein“; Regie: Tarsem Singh, USA 2012, 106 Min., ohne Altersbeschränkung.