Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Joulia Strauss über Athen und die Griechen
Nachrichten Kultur Joulia Strauss über Athen und die Griechen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:00 12.05.2010
Von Johanna Di Blasi
Joulia Strauss in ihrem Video „First Delphic Hymn to Apollo"
Das singende Orakel: Die Künstlerin Joulia Strauss in ihrem Video „First Delphic Hymn to Apollo" mit Lyra vor der Landschaft von Delphi. Quelle: Handout
Anzeige

Vorige Woche gingen Bilder von Flammen um die Welt, drei Menschen sind in einer Athener Bank, in die Demonstranten Molotowcocktails geworfen hatten, umgekommen. Wie erleben Sie die Lage?

Das Klima in Athen, vor allem rund um den Exarchia-Platz, ist wie in Berlin-Kreuzberg vor 20 Jahren. Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich eine beeindruckende Polizistenphalanx. Das Alexandros-Memorial, das an den Mord an dem Schüler Alexandros Grigoropolous im Dezember 2008 erinnert, ist zu einer Art Heiligtum geworden. Am 5. Mai haben die Leute versucht, das Parlament zu stürmen. Es ist die erste deutliche Artikulation eines Machtanspruchs der Opposition gewesen. Dass in dem für eine Bank ungeeigneten Gebäude ohne Notausgänge drei Menschen ums Leben gekommen sind, hat dazu geführt, dass die Situation sich gedreht hat. Jetzt ist es für jene, die Widerstand üben wollen, noch schwieriger geworden. Zum Beispiel ist die transdisziplinäre Austauschplattform Indymedia.gr kurz nach dem traurigen Vorfall einfach aus dem Netz verschwunden.

Wie reagieren Athener Künstler und Intellektuelle auf die Situation?

Alle grübeln und kochen. Künstler und Intellektuelle besorgen sich in Apotheken Maalox-Flaschen, mischen den Inhalt zu 50 Prozent mit Wasser, tragen sich auf das Gesicht eine Art Kriegsbemalung auf und gehen mit den weiteren 100.000 Menschen auf die Straße. Statt Doktorarbeiten zu schreiben, atmen sie Tränengas mit verfallenem Ablaufdatum, was Krankenhausaufenthalte nach sich zieht, Philosophen entreißen vom Gebäude der Nationalbibliothek Marmorteile, Kunstkritikerinnen laufen hochgerüsteten hellenischen Robotern entgegen, Künstler machen Videos, deren Texte oft direkt als politisches Programm von der künftigen Regierung übernommen werden könnten.

Sie verbinden in Ihrer Kunst Einflüsse eines russischen Neoakademismus, der deutschen Technoszene und inszenieren sich als singende Philhellenin mit der Lyra. Sie haben unlängst vor Athener Polizisten gesungen. Wie war das?

Wenige Minuten, bevor ich damit begann, bekam ich per Handy die Nachricht, dass ein vollkommen harmloser Sportlehrer ins Gefängnis gekommen sei  ... Es war schon ein komisches Gefühl, die Polizisten im Wissen der völligen Unvorhersehbarkeit des Kommenden anzusteuern: „Seid gegrüßt, ihr hört nun die 2000 Jahre alte ‚Hymne an die Sonne‘“, sagte ich. Es ist hart, Akkorde korrekt zu spielen, wenn Pistolenläufe auf einen gerichtet sind. Wir haben die Aktionen mit einer versteckten Kamera aufgenommen, die in der Gürtelschnalle meines Performancepartners Moritz Mattern verborgen war, genauer, im Auge eines Totenschädels. Nachts in Exarchia drehte ein einsamer Polizist sich nach einer besonders melodischen Passage zu mir um und sagte: „Ich kann jetzt nicht.“ Es war ein herzzerreißender Moment. Athen ist das Reale. Das alles ist eine totale Performance.

Sie haben auch Demonstrationen gefilmt – die Gesichter aber nachträglich mit ­Katzenmasken verdeckt.

Wer selbst seine Angst überwindet, muss darauf achten, die Umgebung nicht zu gefährden. Seit dem 5. Mai hat sich die Situation noch deutlich verschärft. Es wird nicht unterschieden zwischen Künstlern und Anarchisten.

Eine ganze Reihe ausländischer Künstler zieht es jetzt nach Griechenland, fast wie zu Lord Byrons Zeiten.

Künstler wie Edy Ferguson, Markus Amm, Brice Marden, Oliver Rollover, Anja Ostoya, um nur einige zu nennen, sind so gut wie Athener, sie kommen oft und machen Projekte. Der Berliner Medienphilosoph und Musikwissenschaftler Martin Carlé und der Informatiker Marc Robin Wendt leben hier, und eine ganze Generation von Griechen, die überall auf der Welt zu Hause sind, kehren gerade zurück nach Athen.

In Ihrem mal in Berlin, mal in Athen abgehaltenen Salon „Spree Athen“ knüpfen Sie in gewisser Weise an die deutsche Griechenbegeisterung der Vergangenheit an. Was lässt sich daran für heute fruchtbar machen?

Es gab verschiedene Begeisterungen. Es ist wichtig, den heutigen Vorgang von den üblichen Klassizismen zu unterscheiden. Die Schönheit der Strukturen des Wissens, die Harmonie der Pythagoreer, das Denken der Vorsokratiker ist die eine Seite, der preußische Kulturbesitzgedanke die andere, und das Griechenland der EU ist nicht das Griechenland Hölderlins. Wir sind die fromme Poesie-Linie. Es ist toll zu sehen, wie griechische Künstler heute wieder die Götter adressieren. Es pulsiert, es gibt einen wundervollen Austausch, eine wechselseitige deutsch-griechische Begeisterung, die einen starken Strom des Widerstandes gegen das diktatorische neoliberale monetäre Weltbild bildet.

Die europäischen Regierungen schnüren gerade ein milliardenschweres Care-­Paket für die Griechen, Deutschland wird den größten Teil übernehmen – ist das die richtige Form von Hilfe?

Die Dichterin Sappho sagt, dass das Geld existiert, um uns zu schaden. Das Care-Paket ist trotzdem die richtige Form von Hilfe, denn die Griechen brauchen Geld, um deutsche U-Boote zu bezahlen.

Stimmt es, dass sich die Griechen von den Deutschen derzeit nicht so recht ernst genommen fühlen?

Ja, und es ist schade, dass die Deutschen nicht verstehen, dass deren Meinung über die Griechen Teil des Plans der Schwächung des Euros ist.

Was planen Sie als Nächstes?

Am heutigen Mittwoch, zeitgleich mit der Internationalen Kunstmesse Art ­Athina, eröffnet unsere Ausstellung in der neuen Kunsthalle Athena Bar, einem Projekt der Athener Kuratoren Marina Fokidis und Sotirios Bahtsetzis. Dort stelle ich einen Entwurf von „Kouros Narkotikos. A Monument to the Junkies of Omonia“ vor. Danach machen wir mit der Tanzkünstlerin Alexia Sarantopolou eine Performance vor der ausgebrannten Bank. Wenn in Russland im Radio „Schwanensee“ läuft, bedeutet das einen plötzlichen und radikalen Regierungswechsel. Unsere Performance wird „Schwanensee“ heißen.