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Kultur Josep Galindo inszeniert "Antigone" am Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur Josep Galindo inszeniert "Antigone" am Schauspiel Hannover
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17:02 29.11.2011
Pink im Sand: Ismene (Lisa Spickschen). Quelle: Ribbe
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Bomben haben eingeschlagen in der Wüste. Trichter der Explosionen zeugen noch vom Krieg. Im Halbdunkel ragen Köpfe und Gliedmaßen aus dem Sand hervor. Übrig geblieben sind die Opfer.

Mit diesem postapokalyptischen Bild beginnt am Ballhof 1 in Hannover Josep Galindos Inszenierung der „Antigone“. In einem riesigen Sandkasten verscharrt liegen die Schauspieler. Was die irakische Wüste nach Saddam Hussein oder das Libyen nach Gaddafi sein könnte, ist das antike Theben – doch die Herausforderung ist die gleiche: Ein Krieg überzog das Land, eine neue Ordnung muss her – und der es richten soll, droht an dieser Aufgabe zugrunde zu gehen.

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Bei Sophokles heißt der Mann Kreon, und eigentlich müsste der im fünften Jahrhundert vor Christus geschriebene Theaterklassiker nach ihm benannt sein. Kreon ist die Figur, die Theben nach dem Krieg wieder in die Spur helfen soll. Sein Erlass, die getöteten Feinde nicht zu begraben, bringt die Tragödie ins Rollen, und ihm selbst wird der Treibsand der Erzählung zum Verhängnis.

Auch in der Produktion des Schauspiels Hannover, das der Fassung des Autorenkollektivs Soeren Voima folgt, steht Kreon im Zentrum. Während Elisabeth Hoppe als Antigone in Sack und Asche gekleidet mit heiligem Ernst ihrem Gewissen folgt und das staatliche Gesetz missachtet, darf Thomas Mehlhorn seinen Kreon schillern lassen. Er ist der König im Sandkasten. Mehlhorn strahlt in seinem weißen Anzug, witzelt, spielt mit Text und Publikum.

Ihm allein gilt ein großer Teil des Szenenapplauses, der früh auf das Ensemble für eine großartige Einlage niedergeht. Denn auch die Vorgeschichte will erzählt sein: Mit Gitarre, Lust an der Ironie und Augenzwinkern trägt Mehlhorn das Lied vom „Motherfuckermörder-Motherfuckersohn“ vor. Gemeint ist Ödipus –  Mörder des eigenen Vaters, Liebhaber der eigenen Mutter und Erzeuger von Antigone. Lisa Spickschen, die sonst als brave Ismene im pinkfarbenen Kleid durch den Sand stapft, Sebastian Schindegger als clownesker Bote sowie Hoppe illustrieren den Musikbeitrag mit einem rasanten Ballett und machen die verworrenen Verirrungen des Ödipus anschaulich. So macht Tragödie Spaß.

Statt den Konflikt des Einzelnen mit dem Staat unter dem antiken Gewicht mit Ernst zu ersticken, erlaubt sich Josep Galindo eine gesunde Distanz. Der 38-jährige Spanier hat die Produktion übernommen, nachdem im Frühjahr noch Marc Prätsch als Regisseur vorgesehen war. Vom damaligen Chef der Jugendsparte Junges Schauspiel hatte sich Intendant Lars-Ole Walburg überraschend im Mai getrennt, wegen „künstlerischer Differenzen“, wie es hieß. Mit „Antigone“ hat sich Prätsch nicht mehr befasst, stattdessen drückte Galindo ihr seinen Stempel auf – und erinnert dabei an seinen Landsmann Calixto Bieito, mit dem ihm eine enge Zusammenarbeit verbindet, ohne dessen animalische Attitüde zu kopieren. Immer wieder bricht Galindo die Illusionswirkung des Theaters auf, nutzt Mikrofone und lässt Raffaele Bonazza als Kreons Sohn Haimon die E-Gitarre schlagen. Die Inszenierung lebt vom Kontrast zwischen ernster Tragödie und leichtem Ton.

Vor allem Mehlhorn darf sich einiges erlauben. Manch altbackenen Vers quittiert er mit einem Schmunzeln und winkt ab. Diese Respektlosigkeit geht allerdings im Laufe des Spiels verloren. Verbitterung und Ernst kehren ein, es wird geschrien, gejammert, geklagt. Blut muss fließen, der bloßgestellte Kreon sich seiner Kleider entledigen. Marie Anne Fliegels kurzer Auftritt als blinder Seher Teiresias ist ein erbitterter Kampf mit einem inzwischen recht selbstherrlichen Kreon, der zu spät zur Einsicht kommt. Das ist dann tatsächlich etwas altbacken und gibt der Inszenierung einen unentschlossenen Beigeschmack. Das Publikum spendet Beifallsstürme.

Die nächsten Aufführungen: 22. und 28. Dezember sowie am 5. Januar. Karten unter Telefon (05 11) 99 99 11 11.

Ralf Heussinger