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Kultur Johanna Wokalek ist „Fast ganz die Deine“
Nachrichten Kultur Johanna Wokalek ist „Fast ganz die Deine“
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18:01 28.11.2018
Johanna Wokalek las im Schauspielhaus.
Johanna Wokalek las im Schauspielhaus. Quelle: Karsten Knocke
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Hannover

Johanna Wokalek betritt die Bühne des Schauspielhauses und verlässt sie gleich wieder, bringt die Wasserflasche weg, die neben ihrem Lesungstisch steht: „Das muss ich kurz wegstellen, das ist hässlich“, sagt sie. Ihr Pianist Jacques Ammon beginnt zu spielen. Kunstpause. In die das Klingeln eines Zuschauerinnentelefons platzt – auch nicht schön. Und ebenso unschön ist, wovon Wokalek zu lesen hat: dem Ende einer Liebe.

„Ich heirate ... Unsere Freundschaft bleibt ...“, heißt es in dem Brief, den die Todkranke erhalten hat und auf den sie ihrerseits mit einem langen Brief antwortet, aus dem Sanatorium im französischen Hauteville, in das sie zur Heilung ihrer unheilbaren Tuberkulose geschickt wurde. Marcelle Sauvageot (1900–1934), eine Pariser Lehrerin, war diese Frau. Was sie schrieb, wurde nie abgeschickt, aber als Briefroman publiziert, „Fast ganz die Deine“. Es blieb ihre einzige Veröffentlichung.

Sauvageot – und mit ihr Wokalek – blättert den ganzen Katalog weiblicher Trennungsphasen, von der ersten Fassungslosigkeit über Wut, Kummer, Enttäuschung, verzweifeltem Verstehen-Wollem und Entliebung bis zur beginnenden Heilung. Das mantraartige Festhalten und Abarbeiten an einzelnen Formulierungen: „Was ist von diesem Satz zu halten“, empört sich die Verlassene in gebrochener Tapferkeit.

Der Mann – das gehört zu solchem Trennungsnarrativ – macht keine gute Figur. Er erscheint eitel und schwach. Jeder einst geliebte Makel wird zur Zumutung, jede ungeschickte Einlassung zum Affront. Und überhaupt: „Freundschaft!!!“ Man kann dieses Wort auch ausspeien, mit hörbaren drei Ausrufezeichen, die in Wahrheit das absolute Fragezeichen bedeuten.

Wokalek, einer größeren Öffentlichkeit als Sönke Wortmanns „Päpstin“ bekannt geworden ist eine sehr gute Leserin. Viele Nuancen hat ihr Spiel, glaubwürdiger jedoch ist es im Un- als im Übermut; mag sein, es ist Absicht.

Zum Teil schildert dieser eindringliche, wenn auch nicht überragende Text eine erstaunlich moderne Geschichte weiblicher Selbstermächtigung, vom überwiegend weiblichen Publikum wird das nach eineinhalb Stunden hörbar goutiert.

Von Stefan Gohlisch