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Kultur Interview: Kimmig über seine „Platonowa“
Nachrichten Kultur Interview: Kimmig über seine „Platonowa“
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17:16 12.09.2019
Hannover, Regisseur Stephan Kimmig (Foto: Frank Wilde) Quelle: Frank Wilde
Hannover

Er macht aus Tschechows „Platonow“ eine „Platonowa“: Stephan Kimmig (60) im NP-Interview über seine Inszenierung für das Schauspiel Hannover und den Neustart dort.

Wie gefällt es Ihnen in Hannover?

Ganz toll. Die Stadt hat noch so viel Platz und so viel Weite. Die gibt einem, gerade wenn man aus Berlin kommt, wo alles zugebaut ist, viel Raum zum Denken. Ich wusste vorher auch nicht, dass es hier so wahnsinnig viel Grün gibt. Und hier am Theater ist es wunderbar. Das Haus hat eine sehr schöne Größe; man kann gut den Kontakt zum Publikum herstellen.

Die Bühne, heißt es, sei nicht so einfach zu bespielen.

Das kann ich mir vorstellen. Man muss mit dem Portal, der Weitung vorne umgehen, die sich nach hinten verjüngt. Es verläuft sich schnell. Aber Katja, meine Bühnenbildnerin Katja Haß, und ich kennen das schon vom Deutschen Theater, wo es das selbe Problem gibt, nur kleiner. Und bei „Platonowa“ war es uns sowieso wichtig, eine Öffnung zu schaffen.

Lesen Sie hier: Regisseurin Laura Linnenbaum über die erste Premiere der Spielzeit, „Zeit aus den Fugen“

In die Tiefe des Raums

Und darum haben Sie einen Spielraum vorne am Bühnenrand geschaffen?

Ja, sehr offensiv. Es zeigt den Bau und zeigt die Möglichkeiten. Es verschärft die Nähe sehr stark. Man muss hier, glaube ich, bei jedem Bühnenbild sehr genau gucken, damit man den Kontakt hält. Aber es geht auch in die Tiefe des Raums, was sehr wichtig ist für die Aufführung: Man soll auch in den Zweierszenen die Gesellschaft immer spüren. Das wird so etwas wie ein Schall- und Echoraum, ein Angst- und auch Sehnsuchtsraum.

Was die Bühne auch andeutet: Sie zeigen nicht unbedingt ein zaristisches Russland. Und in der Besetzungsliste taucht unter anderem ein Autohändler auf. Wie seht spielt „Platonowa“ im Hier und Jetzt?

Es spielt schon heute. Zeitgenossenschaft ist für mich im Theater das A und O. Ich kann es anders gar nicht verstehen. Das Stück hat auch absolut etwas mit Deutschland zu tun; wir spielen das nicht in Russland.

Wie vergleichbar sind die Gesellschaften denn?

Wie zur Zeit von Tschechow schaut das Bürgertum bang in die Zukunft. Und was die Gesellschaft angeht: Um 2000 herum haben wir in Hamburg gelebt und kannten einige Leute, die in der New Economy irrwitzig reich geworden sind und die jetzt – ohne Witz – von Hartz IV leben. Und die trotzdem so tun, als ob alles noch da wäre. Man hält sich immer noch für etwas Besonderes und schaut der Realität gar nicht ins Gesicht. Wie bei dem Anton, wie er bei uns heißt, Anton Woinitzew, der diese Party schmeißt, die er sich gar nicht leisten kann; man merkt es daran, dass es nichts zu essen gibt. Weil er Charisma hat, lässt man es ihm durchgehen.

Anton ist bei Tschechow eine Anna. Sie haben einige Figuren gegen das ursprüngliche Geschlecht besetzt. Was bringt das?

Das fängt schon damit an, dass die Spielenden plötzlich Sachen sagen, die sie gar nicht kennen.

„Unser Team war anfangs skeptisch“

Der Text ist sehr klar in seiner Beschreibung der Geschlechterrollen, angefangen beim Platonow, der wie ein sehr modernes Mannsbild daherkommt: ein Mann mit vielen Talenten, der aber unvollendet geblieben ist und es sich in einer kleinen Existenz und der Rolle als Salonphilosoph eingerichtet hat, um ja nicht Gefahr zu laufen, noch offensichtlicher zu scheitern ...

Wie das funktioniert, wird man in der Aufführung sehen. Mich haben irgendwann diese ganzen Zuschreibungen nicht mehr interessiert: der alte Stecher, all diese Frauen an seinen Beinen ... So etwas war jahrhundertelang Mainstream. Das ist durch. Das interessiert mich persönlich auch überhaupt nicht. Hannes Oppermann, der Dramaturg, und ich waren uns schnell einig, dass noch viel mehr Rollen gegendert werden müssen. Unser Team war anfangs total skeptisch. Inzwischen finden es alle sehr richtig und auch bewusstseinserweiternd.

Wie das?

Das hat zu tun mit den Fragen, die in den Personen drin sind. Die Platonowa ist eine sehr gefährdete, fragile Figur, die immer nur Fragen stellen will, hinter Türen gucken will. Sie geht weiter und immer weiter. In einer gewissen Art ist das rücksichtslos, und solche, nur dem eigenen Tunnelblick zugewandten Rollenzuschreibungen sind für eine Frau bisher kaum in der Literatur vorhanden. Das zu spielen, ist für eine Frau nicht leicht. Das gilt für genauso Irene Kugler als Unternehmerin, die plötzlich einen Mann kaufen kann und Sachen sagt, die sonst eben in der Literatur für weibliche Rollen nicht geschrieben sind: zum Beispiel: „Du riechst so gut – womit wäschst du dich?“ Auch die Männer sind plötzlich mit Sachen konfrontiert, die sie nie gespielt haben.

Öffnung zur Menschlichkeit

Und das Ergebnis ist?

Eine absolute Öffnung zur Menschlichkeit hin, eine riesige Öffnung von Rollenzuschreibungen, ohne dass es jetzt didaktisch wäre. Zum Glück: wenn es didaktisch würde, wäre ich total unglücklich. Ich glaube eher, es ist eine sehr sinnliche Aufführung. Man guckt frisch auf Menschen; das ist der Riesenvorteil.

Sie spielen Tschechow in der Fassung von Thomas Brasch. Warum?

Brasch hilft sehr, weil er sehr zupackend ist. Ich langweile mich bei 95 Prozent der Tschechow-Stück entsetzlich, weil ihnen oft so ein Stillstand eingeschrieben ist.

Wie überschreiben Sie ihn?

Es geht zum Beispiel um die Frage: Wie mischt man sich ein, wie wird man aktiv in dieser kaputten Welt? Was bedeutet der Kapitalismus wirklich? Wie sind wir an den Rand gekommen? Trotzdem habe ich mich jetzt zum ersten Mal richtig dem Menschenwissen Tschechows geöffnet.

Lesen Sie hier: Alles neu in Schauspiel, Ballett und Oper

Die Gesellschaft in Beziehungsmodellen

Zumindest die Männer sind in der Vorlage gar nicht aktiv. Die retten sich in Fusel und Faseln ...

Naja, auch unser Autohändler hat dezidierte Ansichten, was das linksliberale Denken angeht. Es bewegt sich schon in den Debatten, die wirklich wichtig sind.

Es ist eine Sache, eine Männerrolle mit einer Frau zu besetzen. Es ist eine andere, auch das Geschlecht der Figur zu wechseln. Warum diese Setzung?

Das hat auch etwas mit den Beziehungsmodellen zu tun. Wir haben jetzt heterosexuelle, bisexuelle, homosexuelle Beziehungen. Auch dadurch bilden wir unsere Gesellschaft ab.

„Man muss Rollen für Frauen schaffen“

Inwiefern ist diese Diversität auch eine Setzung für die Spielzeit?

Wir haben, glaube ich, das erste Ensemble in Deutschland, Österreich und der Schweiz, das paritätisch besetzt ist. Das ist ein riesiger Schritt – auch weil man weiß, dass es weniger Rollen für Frauen gibt. Also muss man Rollen für Frauen schaffen. Viele Schauspieler und Schauspielerinnen haben auch einen migrantischen Hintergrund; das gibt es sonst auch nicht so oft. Das ist ein wichtiger Schritt, und das wollen wir abbilden.

Wie beschreiben Sie Ihre Funktion hier am Schauspielhaus? Sie sind ihm, so heißt es, eng verbunden; das Wort „Hausregisseur“ wird aber gemieden.

Sonja Anders und ich kennen uns schon sehr lang und schätzen und trauen uns unglaublich. Wir mögen den Begriff „Hausregisseur“ beide nicht. Aber für mich ist das hier in jeder Beziehung mein Haus. Für mich ist es der erste Neuanfang, der mich wirklich interessiert. Ich kann ihn mit all dem, was ich weiß und kann, genießen und mitgestalten.

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Das Stück

Michail Platonow war mal ein Mann mit vielen Talenten und revolutionären Ideen. Inzwischen hat er es sich in einer schlichten Existenz als Dorfschullehrer und Salonphilosoph eingerichtet. Auf einer Hochzeit mit alten und neuen Lieben eskaliert die Situation. So erzählt es Anton Tschechow in seinem Frühwerk „Platonow“. Regisseur Stephan Kimmig nutzt im Schauspiel Hannover als Textfassung die Bearbeitung durch Thomas Brasch. Und er gendert das Stück durch: So wird Michail Platonow zu Mascha Platonowa. Für die Premiere am Sonntag (19 Uhr) gibt es noch Restkarten (23 bis 45 Euro).

Weitere Terminefinden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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