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Kultur „Home.Run“ verletzt Grenzen
Nachrichten Kultur „Home.Run“ verletzt Grenzen
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16:48 29.10.2017
Mit Mecki und Mütze: Hartmut El Kurdi zeigt in „Home.Run“ Dias aus seiner Familiengeschichte, auch vom ersten Schultag.
Mit Mecki und Mütze: Hartmut El Kurdi zeigt in „Home.Run“ Dias aus seiner Familiengeschichte, auch vom ersten Schultag. Quelle: Katrin Ribbe
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Hannover

Gar nicht so einfach reinzukommen. Zwei Grenzen muss man überwinden, erst ein Flatterband und dann die Tür zur Cumberlandschen Bühne, seinen Berechtigungsschein – die Eintrittskarte – vorzeigen und dann noch seinen Platz in der Gemeinschaft finden. Aber ist nun einmal auch nicht so simpel, wenn es um Migrationsgeschichten geht. Und das zeigt schon die Eingangssituation zu „Home.Run“ ganz genau.

Hartmut El Kurdi hat dieses Stück geschrieben und mit der freien Theatergruppe Agentur für Weltverbesserungspläne als Koproduktion mit dem Schauspielhaus realisiert. Er ist Schriftsteller und Dramatiker, Kolumnist und Musiker, Sohn einer Deutschen, die nach dem Krieg als astreiner Wirtschaftsflüchtling nach England ging, und eines hoffnungsvollen jordanischen Offiziersanwärters mit kurdischen und tscherkessischen Wurzeln, den sie dort kennenlernte. All das stellt er aus in dieser „grenzverletzenden Familiensaga“, wie er es nennt, einem Theatermonolog in der Regie seiner Frau Ulrike Willberg.

Die Begrüßung läuft auf Arabisch; das hat er erst – per Lautschrift – für diese Inszenierung lernen müssen. Dafür spreche er drei Dialekte Hessisch – daher kommt seine Mutter; in Kassel (und London) wuchs er auf. El Kurdi breitet ein Panorama aus, musizierend (mit der Bassistin Maria Rothfuchs), erzählend, scherzend, Bilder und Filme zeigend. Alte Fotos mit Frauen in Kopftüchern – aus Jordanien und der deutschen Provinz, vom Nazi-Urgroßvater und den Männern väterlicherseits, die es oft ins jordanische Militär zog, von seiner Familie, die sich über die ganze Welt verteilte und sich dort heimisch fühlt. Alles nicht so einfach mit den Grenzen. Die Welt ist immer so komplex wie ein Menschenleben.

Der Vater brachte es schließlich sogar zum Militärattaché in London, Besuche im Buckingham-Palace inklusive. Die Mutter kehrte schließlich in ihr Geburtsland zurück und musste lange auf die deutsche Staatsbürgerschaft warten, während El Kurdi selbst für die Schule seinen ersten Vornamen Samer zugunsten des zweiten ablegte – „ich habe mich per Kinder-Fatwah selbst arisiert“.

Die Super-8-Filme, die sein Vater vor mehr als 50 Jahren drehte und die er nun ablaufen lässt, zeigen Frauen in Minikleidern und Bienenkorbfrisuren und Männer mit prächtigen Schnauzbärten. Und dazu läuft die Titelmelodie. „Klischees sind die Abstraktion der Wahrheit“, sagt El Kurdi.

Es ist eine ungewöhnliche Familiengeschichte und eine beispielhafte: Wer etwas gräbt, wird in jedem Stammbaum Migrationsbewegungen sehen. „Home.Run“ ist eine Lehrstunde dafür, wie lächerlich die Annahme ist, dass Nationen irgendetwas von Wert bedeuten, wie schwer man es sich vor diesem Hintergrund macht, wenn man nur auf Grenzen poch – und wie leicht, wenn man sich öffnet und einfach losläuft.

Mehr Informationen finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch