Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Hier sammelt sich einiges an: Bürger-Schätze im Museum August Kestner
Nachrichten Kultur Hier sammelt sich einiges an: Bürger-Schätze im Museum August Kestner
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:25 12.09.2013
Von Henning Queren
ÜBERSICHTLICH: Das Museum August Kestner ehrt seine Sammler mit einer opulenten Schau.
ÜBERSICHTLICH: Das Museum August Kestner ehrt seine Sammler mit einer opulenten Schau. Quelle: Museum
Anzeige
Hannover

Dafür braucht man schon Leidenschaft nah am Wahnsinn, um 12 000 Besteckteile zusammenzutragen. Oder 37 000 Münzen. Oder sich eine Briefmarkensammlung zuzulegen, die ansonsten nur von der von Queen Elizabeth übertroffen wird. Oder sich mal eben mit einer Menge an Stücken aus dem alten Ägypten zu umgeben, die weltweit ihresgleichen sucht.

Hannover - deine Sammler. Ohne sie wäre das Museum August Kestner nicht da, wo es heute ist. Der auch internationale Rang wird bestimmt durch ehemals private Sammlungen, die dem Museum geschenkt, vermacht oder die für das Museum angekauft worden sind. Als Ergänzung für grundlegende Stücke von Ur-Sammler August Kestner - der in der aktuellen Ausstellung „Bürger-Schätze“ mit seinem Wohnzimmer vertreten ist. Eine Zeichnung von Georg Friedrich Laves, die die gute Stube mit all ihren unschätzbar wertvollen Kunstschätzen zeigt, ist ins Überdimensionale vergrößert worden. Und darauf ist dann vieles zu erkennen, was die Sammlungen nicht nur des Kestner-Museums, sondern auch das Landesmuseum heute unvergleichlich macht.

16 exemplarische Sammler bis in die Gegenwart aus 125 Jahren Museum August Kestner präsentiert die schön gemachte Ausstellung, die wie ein Schaumagazin eingerichtet wurde, viel Glas und starkes Licht bringen Transparenz, die Sammlungsstücke werden ohne vergebliche Hierarchie präsentiert.

Da liegt dann der Eierbecher eines Wilhelm Wagenfeld, immerhin eine Design-Ikone, liegt neben einer frühkykladischen Frauenfigur aus Marmor aus dem Jahre 2700 vor unserer Zeitrechnung. Oder ein hellenistischer Aphrodite-Kopf in Sichtweite eines sowjetischen Porzellantellers, der die russische Revolution feiert. Oder altägyptische Gottheiten (Amun) neben einem poppigen Trinkgeschirr aus den 70er Jahren in Quietschorange. Die „Bürger-Schätze“ umfassen gut 800 Exponate aus Kunst, Kunsthandwerk und Design.

„Wir wollten auch die ungeheure Sammlungsbreite des Museums zeigen“, so Museumspädagogin Pia Drake, die den erkrankten Direktor Wolfgang Schepers vertrat. Die Botschaft der Ausstellung: „Ohne bürgerschaftliches Engagement hätte das Museum nicht die enorme Bedeutung, die es heute hat.“ Aus dessen Sammlung sich sogar der Pariser Louvre für seine Sonderausstellungen bedient - gerade fünf besondere ägyptische Objekte ausgeliehen hat und die auch noch in Brüssel präsentiert.

Die Ausstellung erzählt auch, wie klein manch große Sammelleidenschaft angefacht werden kann: In einem Fall war es der Kauf einer kleinen Glas-Sauciere für gerade einmal 50 Pfennig auf dem hannoverschen Flohmarkt, deren Käufer nicht ahnte, dass sie von Wilhelm Wagenfeld stammte und eine exorbitante Sammlung des berühmten deutschen Designers nach sich ziehen würde.

Und manche sind von ihrem Gebiet so fasziniert, dass sie bis an die Grenzen ihrer finanziellen Belastbarkeit und manchmal sogar darüber hinaus gehen.

Hört denn das nie auf, das Sammeln? „Doch schon“, meint Kuratorin Siebert, „wenn der Nervenkitzel weg ist.“ Und das tritt dann ein, wenn eine Sammlung annähernd vollständig ist - oder der Sammler stirbt. Das Museum freut sich in beiden Fällen, wenn das über Jahre zusammengetragene Konvulut dem Haus übergeben oder vermacht wird. Mittlerweile ist es sogar schon so, dass Sammler gezielt mit dem Museum eine Absprache treffen und gewissermaßen „auf Lücke“ sammeln, also das erwerben, was dem Museum noch fehlt.

Wegen eines besonderen Exponats lohnt der schnelle Besuch: Eine originale Wohnzimmer-Zeichnung von Laves ist ab heute nur eine Woche zu sehen, dann muss sie ausgetauscht werden, weil sie zu lichtempfindlich ist.

Wer sich über Sammelleidenschaft in Hannover informieren möchte: Der von der Siemens-Kulturstiftung geförderte Katalog „Bürger-Schätze“ (220 Seiten) kostet 36 Euro.

Bis 2. März.