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Kultur Herzog Anton Ulrich-Museum zeigt seine Schätze
Nachrichten Kultur Herzog Anton Ulrich-Museum zeigt seine Schätze
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21:02 10.12.2009
Von Stefan Arndt
Lucas Cranach d. Ä. schuf 1537 das Bild „Herkules bei Omphale“
Lucas Cranach d. Ä. schuf 1537 das Bild „Herkules bei Omphale“ Quelle: Herzog Anton Ulrich-Museum
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Seit mehr als 250 Jahren kann im Herzog Anton Ulrich-Museum in Braunschweig jedermann bestaunen, was der Herzog und seine Nachfolger in der ganzen Welt an Kunstschätzen zusammengetragen haben. 170 000 Objekte gehören zu den Beständen des Museums, darunter Hauptwerke von Rubens und Vermeer und eine beispiellos umfangreiche Sammlung von Rembrandt-Grafiken. Da kann man nicht einfach schließen, nur weil das Haus eine Baustelle ist.

Zum ersten Mal seit der Errichtung des heutigen Gebäudes vor mehr als 100 Jahren wird das Museum umfassend renoviert. 26 Millionen Euro wird die Neugestaltung insgesamt kosten – die mit Abstand größte Kulturinvestition, die sich das Land derzeit leistet. In der vergangenen Woche wurde ein neuer Erweiterungsbau der Öffentlichkeit übergeben, der unter anderem die Depots und die Verwaltung beheimaten wird. Nun kommt das alte Gebäude an die Reihe: Die 4000 Quadratmeter werden ab Ende 2012 erstmals komplett als Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen.

Um in den kommenden drei Jahren zumindest Teile der Sammlung weiter zeigen zu können, hat das Museum nun in der Burg Dankwarderode eine Art temporäre Dauerausstellung eingerichtet. „Epochal“ ist die gestern eröffnete Schau überschrieben, und tatsächlich ist die zeitliche Einteilung das wichtigste Kriterium, nach dem die rund 200 Objekte ausgewählt wurden. Bisher waren Gemälde und Grafik, Skulptur und Kunsthandwerk streng in den verschiedenen Abteilungen des Museums getrennt. Hier treffen die Stücke nun als Zeitgenossen aufeinander.

Im bunten Rittersaal der im 19. Jahrhundert phantasievoll rekonstruierten Burg Heinrichs des Löwen sind fünf farbige Ausstellungskuben verteilt, die sich jeweils einer Epoche zwischen Renaissance und der Moderne widmen. Natürlich ist auch hier ein spektakuläres Gemälde wie Rubens’ plastisch-drastische „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ zu sehen, die dem Betrachter noch nach Jahrhunderten vorwurfsvoll fragend direkt in die Augen blickt. Auch das „Mädchen mit dem Weinglas“ fehlt nicht, ein Bild, bei dem Jan Vermeer gleich mehrere Geschichten vieldeutig in der Schwebe lässt: Erhält die junge Frau in dem kostbaren Seidenkleid Lektionen in elegantem Benehmen bei Tisch? Oder ist der Mann, der sich so zudringlich zu ihr hinabbeugt, eher ein schmieriger Verführer, der auf die Wirkung des Alkohols im Weißwein setzt? Stützt der Mann im Hintergrund nur gelangweilt seinen Kopf auf den Arm – oder will er lieber nicht Zeuge des Kommenden werden?

Die Bilder bleiben die Prunkstücke unter den künstlerischen Zeitzeugen. Die Ausstellung ist aber nicht wie üblich von wenigen Experten zusammengestellt, sondern gemeinsam von allen Kuratoren des Museums. Ihnen ging es weniger darum, ihre jeweiligen Glanzstücke zu präsentieren – sie wollten vor allem Zusammenhänge aufzeigen. Der Einfluss Tizians auf Pier Francesco Molas arkadisches Schäfergemälde „Bacchus und Ariadne“ etwa ist ein kunstgeschichtlicher Bezug, der geeignet sein wird, die Kenner zu erfreuen. Wenn man aber die Spitze, die dem Grafen von Dehn auf dem Porträt von Nicolas de Largillièrre aus dem Ärmel kräuselt, direkt daneben sorgfältig gebügelt im Original sieht, wird die Lebenswirklichkeit in der barocken Kunst auch für Laien plastisch erfahrbar. Die filigrane Spitze, die zu ihrer Entstehungszeit den Wert einer Immobilie gehabt hat, gehört zu den Stücken, die lange im Depot geschlummert haben und erst jetzt ihre beziehungsreiche Wirkung entfalten können. Doch auch weniger spektakuläre Dinge kommen zu ihrem Recht: Platziert in einer Art von Kaufhausschaufenster illustrieren etwa die Porzellan­pokale aus dem 18. Jahrhundert das erwachende Interesse des Bürgertums an lange dem Adel vorbehaltenen Luxus­gütern.

Eine „Essenz aus den verschiedenen Sammlungen des Museums“ habe man in der neuen Ausstellung zeigen wollen, sagt Museumsdirektor Jochen Luckhardt. Genau das ist gelungen: „Epochal“ ist keine Anhäufung von Spitzenwerken, sondern ihr sinnlicher Zusammenklang. Aus großer und manchmal auch ganz kleiner Kunst destilliert die Schau die Aromen der einzelnen Epochen. Das ist so kurzweilig, dass man die drei Jahre bis zur Neueröffnung spielend überbrückt.

Burg Dankwarderode, bis Mitte 2012.