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Kultur Henning Rischbieter schreibt über sein Leben
Nachrichten Kultur Henning Rischbieter schreibt über sein Leben
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20:09 21.04.2009
Von Ronald Meyer-Arlt
Lebenserinnerungen eines Theaterkritiker: Henning Rischbieter schreibt eine Autobiographie. Quelle: Martin Steiner
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Warum schreibt einer? Warum schreibt einer sein Leben auf? Henning Rischbieter, Theaterkritiker, Gründer der Zeitschrift „Theater heute“ und – bevor er als Theaterwissenschaftler in Berlin anfing – eine eminent wichtige Figur im kulturellen Leben Hannovers, hat seine Lebenserinnerungen aufgeschrieben – und kann nicht sagen, was eigentlich der Anlass dafür war. Er hat einfach irgendwann damit angefangen. Vor acht Jahren war das; an eine umfassende Autobiografie hat er damals nicht gedacht. Nur an seine Jugend, an sein Elternhaus, an den Krieg. „Ich habe meine Jugendgeschichte bis zum Kriegsende als aufschreibenswert erachtet“, sagt er. Er spricht, wie er schreibt: klar, überlegt, sachlich, fast ein bisschen kühl, manchmal.

Mit dem Ende des Krieges endete der erste Teil von Rischbieters Lebenserinnerungen. In Hannover hat er zum ersten Mal im Jahr 2002 daraus vorgelesen – und begeisterte Zuhörer gefunden. Der Wunsch nach mehr wurde laut, und so schrieb er weiter. Nun ist ein großes Buch daraus geworden: „Schreiben, Knappwurst, abends Gäste“ heißt es. Ein schöner Titel, auch weil das Wort knapp in ihm vorkommt – denn das Verknappen, das Konzentrieren und Pointieren von gelebter Geschichte beherrscht der Autor. Und um die Wurst geht’s manchmal auch. Der Umfang des Buches ist nicht knapp, es hat 270 Seiten. Jetzt erscheint es im Zu-Klampen-Verlag und – als Fortsetzungsgeschichte – in der HAZ. Am Freitag ist hier die erste Folge zu lesen.

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Warum schreiben? „Mich hat der Erinnerungsprozess beschäftigt“, sagt Henning Rischbieter, „als Historiker habe ich mich selbst als geschichtliches Subjekt gesehen.“ Er ist jetzt 82 Jahre alt, sieht aber nicht so aus. Die Stoppelhaare, der volle weiße Bart, das keck geöffnete blaue Hemd – er würde wohl auch als unter 70-Jähriger durchgehen. Ein bisschen wirkt er wie einer, der gerade von einem Abenteuerurlaub heimgekehrt ist. Er sitzt (mit hochgelegtem Bein – „das Knie!“) am runden Holztisch in seiner Wohnung in Berlin-Kreuzberg. 1978, nachdem er in Berlin Professor für Theaterwissenschaft geworden ist, hat er das ganze Haus gekauft. Ein stattlicher blauer Kasten ist das, in einer stillen Straße, die auf den Landwehrkanal führt. Der Friseur gegenüber nennt sich „Salon für die Dame“, nebenan bietet „Ofenbauer Majer“ seine Dienste an, um die Ecke liegt „Blumen Heidi“. Es ist, als bemühe sich das Viertel, die Zeit stillstehen zu lassen.

Durchs Konversationszimmer des Professors Rischbieter schwebt feiner Zigarrenduft. Der Hausherr genehmigt sich gelegentlich einen Zigarillo. Und ein Glas Bordeaux: Château Anniche, seine Hausmarke. Ab und zu schreibt er noch für „Theater heute“, die Zeitschrift, die er 1960 in Hannover gegründet hat. Er schreibt nicht nur Nachrufe, sondern gelegentlich auch Kritiken. Aber er geht nicht mehr regelmäßig ins Theater. „Man musste schon eine Menge mittelmäßiges Zeug absitzen“, sagt er, seine Kritikerzeit in einem Satz resümierend, „das brauche ich jetzt nicht mehr.“ Damals, nach der Gründung von „Theater heute“, hatte er Stücke abzusitzen, die schlimmer waren als nur mittelmäßig. Die Zeitschrift wurde schnell sehr wichtig. Es war das Organ derer, die sich für ein neues, mutiges, auch engagiertes Theater einsetzten. „Wir waren vielleicht etwas ruppig in der Abschaffung der älteren Generation regieführender Intendanten wie Gründgens, Stroux und Schaller“, sagt er, und es klingt nicht so, als würde ihm das jetzt leidtun.

Und das Theater heute? Wo geht das hin? Welche neue Spielweise setzt sich durch? Rischbieter lehnt sich zurück, nimmt einen Schluck vom Château Anniche und sagt: „Ich sehe das alles ganz entspannt“. Den Satz sagt er oft. Keine schlechte Lebenshaltung im Alter und auch sonst. Nur beim Stichwort „postdramatisches Theater“ macht er eine abwertende Handbewegung: Unsinn.

Henning Rischbieter war immer ein geachteter Theaterkritiker, nie ein gefürchteter. Regisseure wie Peter Palitzsch gehörten zu seinen Freunden, aber Freundschaften haben sein Urteil nie beeinflusst: „Wenn ich eine Aufführung matt fand, dann habe ich das auch geschrieben.“

Das Schreiben ist dem Kritiker nie schwergefallen. Es ging ihm alles leicht von der Hand. Eine Zeit lang hat er fürs Radio gearbeitet, da reichten ihm ein paar Stichworte, mit der Hand aufgeschrieben, die ganze Kritik entstand dann beim Reden. Rischbieter verfasst alle Texte handschriftlich. Gegen Ende des Krieges hat er seinen linken Arm verloren, ein Granatsplitter hatte ihn getroffen. Erst sah es nur nach einer kleinen Verwundung aus, dann hat der Splitter eine Ader aufgerissen. Er hat viel Blut verloren, er lag „auf den Tod“, wie er schreibt. Dann wurde der Arm amputiert.

Danach hat er Bilanz gezogen und den Verlust des Arms als Preis gesehen, den er zu zahlen hatte – weil er mitgemacht hat als Soldat, weil er sich ein bisschen hat verführen lassen. Rischbieter schreibt das in klarer, einfacher, eindringlicher Sprache.

Seine Autobiografie ist kein Rechenschaftsbericht. Es ist ein Zeitbericht. Rischbieter sagt, wie es war: das Leben, das Theater, alles. Sein Stil ist gerade, klar, fast nachrichtlich präzise. Er ist ein gebildeter, genauer Kritiker des Lebenstheaters. Und ein genauer Beobachter seiner selbst.

Am Ende des Buches stellt er sich die Frage: „Bin ich glücklich?“ Dann schreibt er von seinem geregelten Tagesablauf und einer grundsätzlichen Gelassenheit. „Gearbeitet – geschrieben, redigiert, publiziert, doziert – habe ich mit Lust, mindestens mit gelassener Routine. Ich habe, denke ich, was zustande gebracht.“ Die Frage nach dem Glück aber beantwortet er nicht.

Am Sonnabend, 2. Mai, liest Henning Rischbieter in der „Galerie vom Zufall und vom Glück“ in Hannover. Die Veranstaltung, die von Ludwig Zerull moderiert wird, beginnt um 19 Uhr.