Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Harfouch liest im Schauspielhaus
Nachrichten Kultur Harfouch liest im Schauspielhaus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:28 28.03.2019
Im Schauspielhaus: Stefan Maass (links), Corinna Harfouch und Hubert Wild. Quelle: Foto: Schaarschmidt
Anzeige
Hannover

Filippo Balatri – nie gehört? Kein Grund zum Schämen: Der italienische Kastrat, der von 1682 bis 1756 lebte, ist weit weniger bekannt als etwa sein Schicksalsgenosse Farinelli. Corinna Harfouch trat nun im voll besetzten Schauspielhaus an, um dem Publikum Balatris außergewöhnliches Leben näherzubringen. Die vielbeschäftigte Darstellerin hatte Verstärkung in Gestalt des Countertenors Hubert Wild und des Lautenisten Stefan Maass mitgebracht. Titel des Abends: „Die Nachtigall des Zaren“.

So heißt die Biografie von Christine Wunnicke, die als Grundlage für Harfouchs Textauswahl diente, ergänzt durch Originalzitate Balatris. Vor den Augen und Ohren der Besucher entfaltete sich eine höchst eigenartige Weltreise. Sie begann in Pisa, wo Filippo Balatri sich schon in jungen Jahren als herausragender Sänger entpuppte, unglücklicherweise, denn sein Umfeld kam, ohne den Jungen selbst zu fragen, zu einem damals nicht unüblichen Schluss: „Schneiden, schneiden!“

Anzeige

Später verschenkte Herzog Cosimo di Medici den Knaben an Zar Peter I.; weitere Stationen dieses Lebenswegs sollten Frankreich, England und schließlich Deutschland werden. Die Grundstimmung der Texte war irgendwo zwischen süffisant und bissig angesiedelt, derweil Countertenor Wild weitere Facetten jenseits des Schöngesangs in Spiel brachte. Da klang ein „Halleluja“ schon mal eher garstig, und es mischten sich deutlich parodistische Züge in die überfeinerte französische Intonation, von Balatri als „Gejaule“ eingestuft.

Der Kastrat galt als tanzbegeistert, und so sah sich Harfouch von Wild zwischendurch nach einigen betont zierlichen, um nicht zu sagen: affigen Schritten zunehmend heftiger herumgeschleudert. Sie durfte sich allerdings später rächen: Als es im Text um eine geräuschvolle Bühnenmaschinerie ging, polterte sie derart mit ihrem Stuhl herum, dass sich der Kollege bei Händels „Lascia ch’io pianga“ kaum noch Gehör verschaffen konnte.

Souverän extemporierte Harfouch bei Bedarf: Der als wenig kunstsinnig bezeichnete Georg I. war nun mal Hannoveraner – schon schickte die Schauspielerin beiläufig eine bedauernde Geste ins Publikum. Und als sie sich beim Textanschluss einmal nicht ganz sicher war, hieß es: „Sind wir denn schon in England?“

Ein sympathischer Abend, der allerdings mehr zarte Passagen vertragen hätte; auch leistete sich Harfouch den einen oder anderen Verhaspler. Schade außerdem, dass kein Programmheft vorlag – nicht jede der Kompositionen gehörte zum gängigen Kanon. Ein paar Mängel gab‘s also schon, daher wirkte der große Jubel am Schluss unter dem Strich zwar im Kern verständlich, aber etwas übertrieben.

Von Jörg Worat