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Kultur Hannover: Stinkefinger im Stakkato
Nachrichten Kultur Hannover: Stinkefinger im Stakkato
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Von Stefan Gohlisch
Quelle: Wilde
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Hannover

Bühne und Kleidung in Schwarz, Weiß und Rot, das sind die Farben der Revolution. Die musikalischen Mittel sind abgesteckt, allein durch die (großartigen) Vorgruppen: den rohen Punk von The Dirty Nil und den in die Siebziger getunkten Hardrock von Monster Truck. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich zunehmend Billy Talent. Die Energie ist noch da, aber sie erlaubt Zwischentöne, für das schleppende „Pins and Needles“ und das hymnische „Surrender“.

Sänger Benjamin Kowalewicz, Gitarrist Ian D’Sa, Bassist Jonathan Gallant und Schlagzeuger Aaron Solowoniuk (der den schwer an MS erkrankten Jordan Hastings ersetzt) machen gewaltig Druck. Die Halle ist randvoll mit einer wogenden Masse, darüber ein Dampf wie in der Sauna. Arme hoch, Stinkefinger raus als Haltung, Stakkato. Das hysterisch gute 2013er-Konzert der Kanadier im Capitol hat in der hiesigen Konzertgänger-Szene Legendenstatus erreicht. Die überbordende Stimmung von damals übertragen Billy Talent ohne Probleme in die große Halle. Wer braucht schon Idole, wenn er solche Talente hat?

Bald zwei Dutzend Songs in knapp 90 Minuten gibt es. Billy Talent hissen die „Red Flag“ (als letztes Stück des regulären Sets), sie beobachten die „Fallen Leaves“, blasen zum „Viking Death March“ und sind definitiv „Louder than the DJ“. 13 Jahre Bandgeschichte im Schnelldurchlauf. Die Kinder der nuller Jahre sind groß geworden, und sie sind zornig. Um Ängste geht es auf dem neuen Album „Afraid of Heights“, darum, dass sie, so irrational sie sein mögen, unser Denken und Handeln zu bestimmen drohen, gerade in diesen Zeiten des Populismus.

„Ob schwarz, weiß, asiatisch“, sagt Kowalewicz: „Wir lieben euch alle.“ Denn: „We don’t give a fuck.“ Wenn die Politik immer abgerockter ist, muss Rock wieder politischer werden. Und so ist dieses teilweise wütende, immer leidenschaftliche Konzert eben auch ein Statement, ausgesprochen wie unausgesprochen. Abriss! Und Aufbau. Punkrock kann das.