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Kultur Hannover: Semino Rossi bucht das Glück
Nachrichten Kultur Hannover: Semino Rossi bucht das Glück
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13:48 23.11.2010
Bescheiden, humorvoll, vielseitig: Der stimmstarke Semino Rossi in der AWD-Hall.
Bescheiden, humorvoll, vielseitig: Der stimmstarke Semino Rossi in der AWD-Hall. Quelle: Steiner
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VON MATTHIAS HALBIG

Früher war Schlager ein bisschen „Hossa Hossa“ zu Playbackmusik. Anders als die Kollegen von Rock und Pop absolvierten die Sänger meist nur Kurzauftritte statt Konzerte – Ausnahmen wie Howard Carpendale und der sowieso weit über den Heileweltsweiden fliegende Udo Jürgens bestätigen die Regel. Selbst einer wie Heino, bei uns in Deutschland vom Bekanntheitsgrad knapp hinter Jesus, kriegte beim ersten echten Tourversuch vor ein paar Jahren die Hallen nicht voll.

Anders die „Jungen“ von der Schmuse-Muse, die netzstrümpfige Andrea Berg, die lieberotische Helene Fischer und Semino Rossi, der Sanftmüter mit Humor. Der(auch schon) 48-jährige Argentinier mit dem Lächeln von Ringo Starr und der Frisur von Mister Spock bettet seinen glutvollen spanischen Zungenschlag in der AWD-Hall in einen richtig guten Orchestersound. „Ich sä-hä dich vor mir, du biest wunderschön“, hebt er an – ja, das hat Corazon, dagegen wirkt sogar ein Julio Iglesias wie ein Bypass. „Bist du allein in dieser Nacht?“, fragt Rossi die Frauen. Die Krawatte glitzert, in den Iriden fängt sich das Bühnenlicht, der Charme entwaffnet. Und die Angesprochenen tragen Semino im Verlauf des Konzerts einen Blumenladen und eine Schokolaterie nach vorn. Die Tafeln fordert er dabei geradezu ein, er werde sie hinterher mit seinen Musikern teilen. Nur bei einem kleinen Jungen hat er Skrupel, den Süßkram an sich zu nehmen. Er greiftfsich einen Riegel aus der Kinderschokolade-Packung und gibt den Rest artig zurück. Szenenapplaus.

Semino Rossi liebt Stilbreite. Viel Folklore dabei heute. Und Mariachi-Trompeten zu „Adelita“ und „Cielito Lindo“, bei denen ein Sextett moppeliger Mexikaner in Weiß aufmarschiert. Alle helfen beim „Ay-ay-ay-ay!“, die Halle schunkelt, Fiesta Mexicana nur ohne Hossa. Mit „Indio Toba“ gibts schon in der ersten Konzerthälfte eine bedächtige, wunderschöne Ballade in indianischer Sprache. Rossi singt „O Sole Mio“ und „Granada“ und „Wenn ein Schiff vorüberfährt“. Ein Kessel Buntes, geschmackvoll beleuchtet, mit Videoprojektionen angemessen illustriert. Bühnengäste bringen sich ein wie Kastelru­ther-Spatzen-Nachwuchs Alexander Rier und die von ihm entdeckte dänische Folkpophoffnung Julia. Tänzerinnen und Tänzer wirbeln: Tango und Tarantella – „Viva la vida, viva el amor“. Leben und Liebe leben hoch und feiern in Hannover Schlagerparty. Die Rossi-Show muss sich so schnell hinter nichts verstecken. Alles wogt. Und klatscht. Auch Ehrengäste wie Karlheinz Ulrich von den Amigos und Rossis NDR-Förderer Lutz Ackermann. Und dann ist man ganz still und andächtig, wenn Rossi mit seinem alten Freund Umberto an gemeinsame Straßenmusikanten-Zeiten in Spanien erinnert. Zwei Gitarren. Ein wenig Percussion. „Jurame“ heißt der Song. Reicht.

Das Geheimnis: Was Rossi macht, mutet persönlich an. Und wenn es mal kitschig rüberkommt, ist es aufrichtiger Kitsch. Etwa wenn er Gattin Gabi einblendet am Ende des gesungenen Treueschwurs „Du bleibst immer mein Zuhaus“. Herr Rossi bucht das Glück. Einer gegen den Trend, einer wehrt der Scheidungsrate.

Und weil ihm seine Fans das alles so abkaufen, ist das Mitsingen beim Nilsen-Brothers-Gassenhauer von 1965 nicht nur Pflicht, sondern Widmung: „Es gibt Mill-i-onen von Sternen ... aber dich gibts nur einmal für mich ...“ Schon als er das Lied ankündigt, gibts andächtiges Raunen im Volk. Und wenn er sprachlich holpert, wird vergnügt gegnickert. Wenn er will, dass die Leute „dschunken“ (schunkeln) oder „das habe ich befürchtet“ sagen will, die Sache aber wie „das habe ich gefrühstückt“ klingt. Die Semino-Masche, klar. Aber damit beweist er eine Selbstironie, die – gemeinsam mit Bescheidenheit – ganz groß ankommt.

„Rot sind die Rosen“ und Paul Ankas „My Way“ auf Spanisch. Und am Ende noch als kleine Überraschung fürs Publikum ein Lied, das ihn seid 25 Jahren geleitet und geprägt hat: „Ave Maria“. So satt war Publikum selten. Man hat vielleicht etwas wild durcheinander gegessen. Aber nichts davon stößt übel auf.

Und dann gibts im Foyer um viertel nach elf noch lange Schlangen, weil Semino zur Autogrammstunde kommt. Alle sind sich einig: Es war ein großer Abend mit einer tollen Persönlichkeit. Da zitiert man gern mal Lurchi, den Schuhhaus-Salamander. „Lange schallts in der AWD-Hall noch: Semino Rossi lebe hoch.“

Bewertung: 4/5

Neues Album: Semino Rossi: „Die Liebe siegt – Touredition“ (Koch Universal).