Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Hannover: James Blunt begeistert 10.000 Fans
Nachrichten Kultur Hannover: James Blunt begeistert 10.000 Fans
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:31 27.03.2011
Von Matthias Halbig
657718.jpg
James Blunt singt viele Songs für Hannover, einen für Jim Morrison aber keinen für Prinz William und seine Kate. Quelle: Steiner
Anzeige

Im Sommer 2005 gabs gefühlt nur den einen Song in den Charts: „You‘re beautiful“. Mann konnte diese Herzhupe schnell nicht mehr hören, war aber auch gar nicht angesprochen. Frau dagegen schon, und fuhr auch monatelang schwer drauf ab, zumal der Sänger James Blunt, ein Ex-Offizier der KFOR-Truppen, auch noch schnuckelig aussah. Jungenhaftes Zahnfleischlächeln, geborener Schwiegersohn. War neulich ja nur ein Blunt-Scherz, aber warum hätte er jetzt nicht Orgel spielen sollen bei der Hochzeit von Willi und Käthe, schließlich war er ja auch einer der Sargträger von Queen Mum gewesen.

In der TUI-Arena geht das Licht zu Italowestern-Gepfeife aus, die Skyline von New York gibts als LED-Bild, die ist ja irgendwie auch eine Form von Prärie. Von hinten flitzt James Blunt durch die Halle, in Jeans und T-Shirt, entert die Bühne, hängt sich die mintfarbene Stratocaster um, und recht druckvoll legt die Band los mit „So far gone“. Beziehung zu Ende, kein Licht leuchtet dieser Liebe mehr, Schlafen neben einer Fremdgewordenen. Undsoweiter.

Was Blunt singt, ist oft formelhaft bis hart an die Schlagergrenze. Wie ers nun aber singt, ist das pure Frauenfischen. Er lässt seine Stimme innerhalb von ein paar Worten ins Falsett steigen und strahlen, kippen und stürzen, wiederaufsteigen, huiii! Er erinnert ein bisschen an Bee-Gees-Barry und hat auch ein wenig Chris-de-Burgh-Emphase im Vortrag. Er schluchzt und lässt Silben beben und zittern. High on Emotion.

Blunt legt sich in seine Lyrik, badet in der Freude des Publikums: „Wenn alle sich ausziehen, wird richtig gerockt“, verspricht er Hannover. In Berlin hätten sich alle ausgezogen. Noch so ein Scherz! Niemand strippt, dafür gibts Chöre. Und wiewohl auch Männer in der TUI gesichtet werden, hört man nur Sopranstimmen bei „Carry you Home“ und „Superstar“.

Die meisten Lieder schlüpfen lieb aus ihren Nestern, spreiten ihre fantastischen Melodien und werden von der distanzierten Söldnerband mit einigem Drama in Publikums Ohr geflogen. Das rockt wie Vanillepudding und ist (mit Verlaub) nicht gerade kurzweilig. Bei „Turn me on“ aber bockt die E-Gitarre tatsächlich mal herrlich schlecht gelaunt und Blunt verspricht nun richtig Rüdes: „I‘m gonna make you a dirty woman“. Weia! Der Song, Appendix des neuen Albums „Some Kind of Trouble“, ist, was „Devil Woman“ für den netten Cliff Richard war und „Long cool woman (in a black dress)“ für die netten Hollies. Schwiegersohn kann auch Sex. Später gibts noch „So long, Jimmy“. Einer für Jim Morrison. Da glitzern mittendrin tatsächlich Töne aus dem Intro von „Riders on the Storm“. Die Orgel manzarekt am Ende mächtig. Schwere See.

Dieser Doors-Moment passt zwar nicht so ganz zum Rest, aber er kommt gut im hannoverschen Hochamt des mittleren Tempos. Die Leute in der TUI stehen jetzt in dulci jubilo bis oben unterm Dach. Und dann, als das Konzert mit „I‘ll be your Man“ in die Zielgerade geht, sprintet Blunt nochmal im Karree mitten durchs Publikum, läuft einer Frau am Ende der Quertrasse direkt in die Arme, küsst sie und ist schon wieder weiter, während die Geküsste von ihrer Nachbarin exakt dahin geknutscht wird, wo gerade noch des Sängers Lippen weilten. Ein Second-Hand-Bussi ist eben besser als nix, und reife Damen sind eben innen immer noch die selben ewig jungen Mädels. Fühlen sich – wie Blunt in „1973“, dem letzten Song des Abends singt – für immer gefangen in ihrer großen Zeit. Und: „Here we go again ...“. ****(*)