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Kultur Dieter Thomas Kuhn feiert auf der Parkbühne
Nachrichten Kultur Dieter Thomas Kuhn feiert auf der Parkbühne
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00:21 27.08.2018
Streichelt sein Brusthaar-Toupet: Dieter Thomas Kuhn feiert mit 5000 Fans ein Schlager-Revival. Quelle: Heidrich
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Hannover

Sonnenblumen-Alarm und Polyester-Schick - man könnte denken, dass in Hannover die 5. Jahreszeit begonnen hat. Auf dem Weg zur Gilde Park Bühne tummelt sich eine bunte Menge Blumenkinder und Schlagerfans, Dieter Thomas Kuhn – kurz: DTK – hat eingeladen, 5000 sind gekommen. Dass das Schlager-Revival, das in den 90er Jahren begann, noch immer viele Fans und Freunde hat, ist somit eindrucksvoll bewiesen.

Dieter Thomas Kuhn und Band feiern auf der Parkbühne noch ein Schlager-Revival

Der „Papst des schlechten Geschmacks“ in einem Sonnenblumenmeer der Liebe: „Und es war Sommer!“, bei freundlichen 20 Grad am Abend jucken die aufgeklebten Brusthaar-Toupets nicht so stark, und der dunkle Kräuterlikör ist bei diesen Temperaturen auch nicht mehr ganz so gefährlich. DTK gibt es nun schon seit über 25 Jahren, und die einen feiern jetzt ein Fest des schlechten Geschmacks, die anderen sich und ihr Lebensgefühl.

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Konzerte von Dieter-Thomas Kuhn sind Familientreffen

DTK-Konzerte sind Familientreffen, die „Kuhnis“ genannten Anhänger sind eine verschworene Gemeinschaft. Hier haben alle Spaß, und alle lieben Dieter Thomas Kuhn. Die Musiker seiner „Kapelle“, wie Kuhn seine Band liebevoll nennt, haben alberne Namen, die so nur in der Schlagerbranche verteilt werden: Howie, Demis, Adam & Eve, Jean-Michel, Heintje, Udo und Nino. Sie nehmen sich selbst auch nicht so ernst: „50-jährige Männer, gefangen in Körpern von 25-Jährigen und geistig auf der Höhe von 15-Jährigen“, sagt Dieter.

Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand“ und „Im Wagen vor mir“, die Texte der alten Gassenhauer würden heutzutage so nicht mehr geschrieben werden. #MeToo und die aktuelle politische Lage haben den Tonfall verändert. Doch die Fans haben Spaß mit der singenden Föhnwelle.

Der geborene Tübinger, 53 Jahre alt, macht seit 1994 deutschen Schlager und covert Evergreens. Ein Party-Gag der gigantische Ausmaße angenommen hat. Schlaghose und Plateauschuhe, der „Spätkuhn“, wie er auf seiner Facebook-Seite schreibt, sei ein „Phänomen der Postmoderne, bei dem die Kopie das Original in Wucht und Wirkung weit übertrifft“. Laut gebrüllt, und „Hossa“, der Schlachtruf des Grauens trifft auf das Peace-Symbol, das im Bühnenhintergrund immer wieder eingeblendet wird. „Ich wurde mal nach meiner politischen Botschaft gefragt. Die ist eigentlich seit Jahren die gleiche: Liebe und Frieden. Bei uns sind alle Menschen willkommen“, erklärt Kuhn unter dem Jubel seiner Fans. „Nur einer hat bei uns Hausverbot – der mit der schlechten Frisur aus Amerika!“ Gelächter.

Die Anzüge funkeln, die geföhnten Tollen wackeln

Die Kapelle spielt Udo Jürgens „Ich war noch niemals in New York“. Zu „Fremde oder Freunde“ von Howard Carpendale werden Selfies geschossen, der Sänger geht mit der Zeit und in die sozialen Netzwerke. Er lässt einige Damen zum Tanzen auf die Bühne bringen, da wird geherzt, gebusselt und geknutscht. Kuhn wünscht sich „Liebe ohne Leiden“, überlegt, ob „Über den Wolken“ die Freiheit wohl grenzenlos ist und träumt von heißen Nächten, in denen der „Griechische Wein“ nur so fließt. Die Anzüge funkeln, die geföhnten Tollen wackeln.

Zum Finale wirft sich der Sänger dann noch in einen überdimensionalen Angeber-Mantel. „Über sieben Brücken musst Du geh’n“ gerät herrlich melancholisch, „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ optimistisch und „Ti amo“ furchtbar schnulzig. Da fliegen ihm BHs, Slips und die Herzen zu. Mit „Butterfly“ und Rio Reisers „Für immer und Dich“ endet die übergeschnappte Revue. Wenn der das wüsste.

 

Von Kai Schiering