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Kultur Jan Böhmermann: Pocher in Pelz
Nachrichten Kultur Jan Böhmermann: Pocher in Pelz
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06:27 01.02.2019
Hier stehe ich und kann auch anders: Jan Böhmermann bewies in der Swiss-Life-Hall geschmackssichere Geschmackslosigkeit im Verein mit einfältiger Vielfältigkeit.
Hier stehe ich und kann auch anders: Jan Böhmermann bewies in der Swiss-Life-Hall geschmackssichere Geschmackslosigkeit im Verein mit einfältiger Vielfältigkeit. Quelle: Foto:Petrow
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Hannover

Böhmermann-Kenner können vor der Live-Show des deutschen Lieblings-Satirikers in der Swiss Life Hall ein kleines Ratespiel mit sich selbst veranstalten: Mit welcher Art Eröffnungsprovokation wird der NeoMagazin-Royalist hier einsteigen? Offensichtliche Angriffsfläche für den ersten Gag gibt es nicht: Hannover liegt nicht in Thüringen und ist keine AfD-Hochburg, 96 ist zwar schlecht dran, aber immerhin noch nicht in der zweiten Liga, und Schröder und die Wulffs sind auch schon lange nicht mehr im Kreuzfeuer der Kabarettisten. „Na, ihr Niedersachsen“, sagt Böhmermann zur Begrüßung – „wir sind Fury in the Slaughterhouse“, der Witz kommt erst nach dem Opener.

„Ein politischer Liederabend“ erwartet die 3400 Gäste im Saal, wenn der Showmaster mit seinem Ehrenfelder Orchester auftritt: Die Texte sollten, wenn man von den millionenschweren Aufrufen von Böhmermanns Musikvideos ausgeht, ein relevanter Teil der Bevölkerung zumindest kennen, wenn nicht sogar mitsingen können.

Böhmermann hat seine Hannover-Hausaufgaben gemacht

„Baby Got Laugengebäck“ zum Beispiel, eine Unsinns-Ode an den Kaffeepausen-Snack. Schon wird sich vorne ironisch angeschunkelt – noch bleibt es unpolitisch, aber man ist ja gerade erst eingetaucht in Böhmermanns Liederkatalog, der mittlerweile mehrere Alben füllen könnte. „Die deutsche Antwort auf Oliver Pocher“ nennt sich der Mann, der schon in Pelzmantel und glitzernder Hose auf die Bühne kommt: „Den habe ich in Großburgwedel ’nem Neonazi über die Ohren gezogen.“ Das Schloss Marienburg ist „gerade billig zu haben“, gerne würden Böhmermann und Band dort einziehen: Die Hausaufgaben zu Hannover und Region hat der Bandleader gemacht.

„Rainer Wendt“ und „Es gibt keine Nazis in Sachsen“ sind indes die angetäuscht-anbiedernden Schmähsongs, auf die das Publikum nur wartet, wenn sich in Deutschland mal wieder jemand lächerlich macht – ob der Polizeigewerkschaftschef und „rechte Populist“ Wendt oder das LKA in Sachsen, dessen Mitglieder bei Pegida mitmarschieren.

Er überwindet die Hürde für viele Comedy-Lieder

„Grab US by the Pussy“ singt Böhmermann mit Co-Moderatorin Giulia Becker, es bleibt mehr als zwei Jahre nach der Trump-Wahl eine treffliche Hymne auf den grotesken Niveauabsturz politischer Diskussion. Überhaupt könnte man denken, der Durchbruch des Basisdemokraten Böhmermanns als Crooner wäre nur dem absurden Tagesgeschehen geschuldet – doch der Erfolg des lustigen Polit-Songs hat vielleicht weniger mit dem Milieu zu tun, über das er sich lustig macht, als man denkt. Er muss vielmehr eine riesige Hürde überwinden, an der die meisten Comedy-Lieder scheitern: Wie oft kann man einen ironischen Song gerne hören?

Dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld und seinem fabelhaften Soundtrack, der sich mit seinen Pop-Covern (heute: Disclosures „You and Me“) besonders hervorhebt, ist ein Großteil des Erfolgs geschuldet – auch wenn „Wir sind Versandsoldaten“, das Arbeiterlied der Paketkuriere, den proletarischen Kampfgeist des 19. Jahrhunderts allein mit Text und Gesang in die Swiss-Life-Hall bringt.

Immer einen Schritt voraus

US-Komiker und „Family Guy“-Erfinder Seth MacFarlane hat den sarkastischen Swing vorgemacht, den Böhmermann mit dem Kay-One-Cover „Style und das Geld“ nachempfindet. Die Besserwisser-Version (auch vom Kay-Titel „Señorita“) hat ihre dünne Ironie schnell überstrapaziert – im Gegensatz zur Deutsch-Pop-Persiflage „Menschen Leben Tanzen Welt“, die ein Eigenleben entwickelt hat: Der Saal geht nämlich zum ersten Mal am Abend fast unironisch mit.

„Blasserdünnerjunge macht sein Job“ und „Ich hab Polizei“ (schon in den Zugaben) zeigen, dass Böhmermann mit etwas mehr Mühe auch gute Deutschrap-Parodien bringen kann. Und seinem Publikum, ob Fans oder Skeptikern, immer einen Schritt voraus ist: Das hatten schon #varoufake und #verafake bewiesen – doch in Liedform bleibt die Satire eben noch besser hängen.

Von Lilean Buhl