Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Hannover: Abschiedsinterview mit Intendant Lars-Ole Walburg
Nachrichten Kultur Hannover: Abschiedsinterview mit Intendant Lars-Ole Walburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:00 27.05.2019
Besser ausbrennen als verblassen: Unter diesem Motto stehen die Abschiedsfeierlichkeiten von Lars-Ole Walburg, dessen zehnjährige Intendanz am Schauspielhaus am 15. Juni endet. Quelle: Wilde
Anzeige
Hannover

Am 15. Juni endet die zehnjährige Intendanz von Lars-Ole Walburg (54) am Schauspielhaus. Im NP-Interview blickt er zurück und spricht darüber, welches Erbe er seiner Nachfolgerin Sonja Anders hinterlässt.

Zu Beginn dieser Spielzeit sagten Sie, es fühle sich noch nicht nach Abschied an. Tut es das inzwischen?

Anzeige

Ja. Es fing an mit einem Liederabend, den die Allstar Band des Hauses vor ein paar Wochen in Cumberland gemacht hat, voller Anspielungen. Seitdem ist das Abschiedsgefühl voll da.

Und wie fühlt es sich an?

Richtig, immer noch. Natürlich auch traurig, und das wird auch so bleiben. Dagegen muss man dann ein wenig anfeiern. Davor fürchte ich mich auch schon ... (lacht) Das wird anstrengend. Andererseits freue ich mich, dass wir diesen Zeitpunkt erwischt haben, an dem es sich richtig anfühlt.

Wie das?

Man sagt ja, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist, und das ist uns wirklich gelungen. Auch dahingehend, dass es jetzt nicht so ausläppert und jeder nur darüber nachdenkt, wohin er jetzt geht. Alle wollen dabei sein. Wir haben neulich eine Radtour durch die Stadt gemacht und das als Teaser für das „Burn“-Festival gefilmt. Wie viele Leute da mitgemacht haben, auch aus der Technik und den anderen Abteilungen. Am Ende waren es 60 Räder. Das war schon toll.

„Das ’Rotkäppchen’ war keine Zwangsmaßnahme“

Sie machen das natürlich schon geschickt: Beim „Rotkäppchen“ zum Abschluss spielen ja noch einmal alle mit. Sie mussten also dableiben ...

Eine ist tatsächlich nicht dabei, Carolin Haupt, weil es bei ihr nicht ging. Sie geht nächste Spielzeit an die Schaubühne und probt jetzt schon dort. Das „Rotkäppchen“ war keine Zwangsmaßnahme.

Sie mussten niemanden dazu zwingen?

Nein, das geht ja auch gar nicht.

Warum haben Sie sich dafür entschieden?

Tom Kühnel lag uns seit vielen Jahren mit dem Stück in den Ohren. Ich habe ihm in Basel versprochen, dass er dieses unspielbare Werk in meiner nächsten Intendanz machen kann. Das ist jetzt die letzte Möglichkeit, um das Versprechen zu halten. Und mit einer Dada-Veranstaltung aufzuhören, gefällt mir.

Die ganze Spielzeit stand unter dem Motto Lieblingsprojekte. Ist das aufgegangen? Es gab durchaus Gegenwind bei manchen Inszenierungen.

Das ist in einer letzten Spielzeit ja ziemlich egal. Und dann muss ich sagen, dass die Innensicht eine andere ist. Ich bin zum Beispiel sehr glücklich, mit Łukasz Twarkowski „Es war einmal ... das Leben“ auf die Bühne gebracht zu haben. Mir ist klar, dass es erzählerisch vielleicht nicht in jeder Hinsicht gelungen ist. Aber dass wir es geschafft haben, einen solchen Klotz mit einer solchen Ästhetik, die man in Deutschland noch nicht gesehen hat, als erste zu verwirklichen, ist toll. Da riskiere ich, dass mancher Zuschauer sagt: „Das verstehe ich nicht.“ Vielleicht ist es gar nicht zu verstehen.

„Eine Sache wird top; dann hat man zwei Flops, und der Rest ist Mittelmaß“

Bei den Theaterformen, bei denen er auch vertreten ist, wird er vermutlich abgefeiert werden.

Vermutlich, ja. Obwohl sein „Lokis“ inhaltlich noch viel kruder ist. Mag sein, dass gerade das der entscheidende Faktor ist. Jedenfalls sind in dieser Spielzeit viele Sachen entstanden, mit denen ich total zufrieden bin, auch wenn sie vielleicht nicht alle beim Publikum zu 100 Prozent angekommen sind. Ansonsten ist eine letzte Spielzeit wie jede – es heißt: Eine Sache wird top; dann hat man zwei Flops, und der Rest ist Mittelmaß.

Der Abschied vom Walburg-Ensemble

„It’s better to burn out than to fade away“ – diese Textzeile aus einem Neil-Young-Song steht als Motto über den Abschiedsfeiern des Walburg-Ensembles im Schauspielhaus: Es ist besser auszubrennen als zu verblassen.

Seit gestern werden im Schauspielhaus die großen Stücke abgespielt – heute zum Beispiel ab 19 Uhr zum letzten Mal „Es war einmal ... das Leben“ zu sehen, morgen ab 19.30 Uhr „Tschick“. Das eigentliche „Burn“-Festival startet am 7. Juni: Dann übernehmen die Schauspieler die Regie in Cumberland und verwirklichen dort an schrillen Ideen und Lieblingsprojekten, was bislang zu kurz gekommen ist. Die Spielzeit und damit die Intendanz von Lars-Ole Walburg endet endgültig am 15. Juni: Erst (ab 18 Uhr) wird auf der großen Bühne „Rotkäppchen und der Wolf“ gezeigt, ab 22 Uhr im Hof und in der Galerie gefeiert. Motto: „Fired“.

schauspielhannover.de

Was wäre Ihr Top?

Ich fand zum Beispiel Claudia BauersArturo Ui“ bemerkenswert. Ich mochte aber auch den Abend über Iggy Pop. Oder „Trutz“. Man muss sich mit dieser Spielzeit nicht verstecken. Und auch die Auslastungszahlen sind so hoch wie nie. Das und unsere sehr erfolgreiche Gastspieltätigkeit hat übrigens auch zur Folge, dass wir Sonja Anders eine erfreuliche Erbschaft hinterlassen können. Sie wird es auch brauchen.

Warum?

Man hat in der ersten Spielzeit das Problem, dass man nicht so viel spielen kann, weil das Repertoire noch nicht da ist und man erst einmal produzieren muss. Und die erste Spielzeit ist oft noch gar nicht so schlimm, weil die Leute erst einmal neugierig sind. In der zweiten entscheidet es sich.

Wie gespannt sind Sie auf ihre erste Spielzeit?

Das ist alles schon sehr durchdacht und interessant. Wir konnten auch die wahrscheinlich freundlichste und entspannteste Übergabe zwischen zwei Intendanzen vollziehen, die es je gegeben hat. Wir kennen uns seit langem und sprechen ästhetisch letztlich dieselbe Sprache. Der Hauptunterschied, den sie vollzieht, ist, dass sie auf viele weibliche Handschriften setzt.

Das Publikum wird sich auf viele neue Gesichter einstellen müssen ...

Das ist so bei einem Intendanzwechsel. Und dazu sind sie eigentlich auch da, dass neuer Wind hereinkommt. Das ist Theater. Jede Einzelproduktion hat dieses Schicksal: Hat man sie nicht gesehen, ist sie unwiederbringlich verloren.

„Es war eine ständige Weiterentwicklung“

Merken Sie das aktuell beim Publikumszuspruch?

Am 27. Mai beginnt das Abspielen. Es ist erklärtes Ziel, dass die Menschen diese letzte Chance ergreifen. Und es sieht ganz gut aus.

Wie blicken Sie auf diese zehn Jahre zurück?

Stolz. Es war eine ständige Weiterentwicklung, übrigens auch im Ensemble. Sobald man nur ein paar Leute austauscht, müssen sich alle anderen neu positionieren, und das hält einen extrem wach und neugierig. Ich bin extrem stolz darauf, dass wir gezeigt haben, dass im Theater unhierarchisches Arbeiten möglich ist und es nicht dieser Verbrennungsmotor sein muss, der die Leute nur verschleißt.

Das haben auch Gastregisseure immer wieder lobend erwähnt.

Das ist der Grundstein für eine freie, kreative Arbeitsatmosphäre, die wir hier geschaffen haben.

Wie steht das Schauspiel Hannover heute da, im Vergleich zu vor zehn Jahren?

Wir bekommen sehr Positives gespiegelt. Wir waren zum Beispiel vor kurzem an der Wiener Burg zum Gastspiel. Da standen Leute auf und sagten: „Da muss erst Hannover kommen, damit wir so ein Theater sehen ...“ Die überregionale Außenwahrnehmung ist extrem vorteilhaft, fast besser als die in Hannover. Und – wie Sie schon sagten – die Gastregisseure arbeiten ja auch an anderen Häusern; die erzählen nicht nur hier, dass sie sich in Hannover wohlfühlen.

„Sabbatical ist nicht“

Wie geht es mit Ihnen weiter? Sie hatten ja einmal von einem Sabbatical geträumt. Nun machen Sie in der nächsten Spielzeit mindestens einen vierten Remarque, in Oberhausen.

Sabbatical ist nicht. Ich habe auch immer nur gesagt, dass es nach Basel eine tolle Entscheidung war, das zu machen. Ich werde nach aktuellem Stand zwei Produktionen in der nächsten Spielzeit machen. Aber ein bisschen Zeit, um die Batterien aufzutanken, werde ich brauchen. Und wir bleiben erstmal in Hannover, mindestens zwei Jahre, bis meine Tochter mit der Schule fertig ist. Es gibt hier – im Gegensatz zu meinen bisherigen Theaterstationen – ein sehr großes soziales Umfeld, das nichts mit Theater zu tun hat, was ich sehr angenehm finde.

Und wenn Sie zum letzten Mal die Türen hier schließen ...

... dann wird das komisch. So ein Generalschlüssel ist schon etwas sehr Besonderes.

Werden unerfüllte Wünsche übrigbleiben?

Ja, sicher. Deswegen machen wir ja auch das Festival am Ende. Das ist eine Möglichkeit, Dinge, die wir nicht geschafft haben, doch noch zu präsentieren. Und manche Wünsche entstehen ja erst bei der Arbeit, auch bei einer letzten Spielzeit. Insgesamt aber haben wir uns, glaube ich, zehn Jahre lang künstlerisch mutig ausgetobt. Man muss mit den Steuergeldern, die einem Staatstheater zur Verfügung stehen, Dinge ausprobieren, die sonst keine Chance hätten. Zum Glück. Und das haben wir ohne Kompromisse zehn Jahre lang gemacht.

Von Stefan Gohlisch