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Kultur Günter Grass: Liebeserklärung an Sprache
Nachrichten Kultur Günter Grass: Liebeserklärung an Sprache
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12:36 19.08.2010
Günter Grass.
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VON EVELYN BEYER

GrassGrimm, der grimmige Günter Grass, die Kalauer liegen nahe. Zumal, wenn einer sich so beklagt: „Verschrieen als Rechthaber, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt.“ Doch da legt ein fast 83-jähriger Nobelpreisträger mit „Grimms Wörter“ sein, so sagt er, „wahrscheinlich letztes Buch“ vor. Nach „Beim Häuten der Zwiebel“, das mit der Erwähnung seiner Waffen-SS-Zeit einen Aufschrei auslöste, und nach „Die Box“, seiner verklausulierten Familiengeschichte, solls der abschließende autobiografische Band sein. Als Rohstoff hat er sich zwei deutsche Denkmalgestalten erkoren, die Gebrüder Grimm, Märchensammler und Wörterbuch-Verfasser.

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„Über Wortbrücken“ begibt sich Grass in ihr Leben, in dem Hannover eine miese Rolle spielt: Jacob und Wilhelm Grimm gehörten zu jenen Göttinger Sieben, die 1837 Protest einlegten, als König Ernst August die liberale Verfassung abschaffte. Des Landes verwiesen, begannen sie in Hessen mit dem Wörterbuch. Grass schreibt in fast märchenhaft hohem Ton, mit „Wörtern von altersher“ gespickt und mit A-Ausdrücken wie Armut, Arbeit und Antrag im ersten Abschnitt „Im Asyl“, B-Begriffen wie Besuch, Betrag und bigott unter „Briefwechsel“. Anhand ihrer Wörter entwirft er die Brüder Grimm, wie ein Maler ein Porträt nach der Kunst malt und nicht einfach nach der Natur.

Und da ist auch der andere Grass, der nervende, der „Rechthaber“. Der schreibt unter A, wie er vor Arbeiterfrauen eine Rede improvisierte, und unter B, wie er dem Genossen Willy Brandt das Ich-Sagen beibrachte. Hier eine Bemerkung zum SS-Eid, dort Passagen einer Paulskirchenrede. Von A bis F baut Grass sich den Sockel, im siebten Kapitel K hievt er sich drauf. Ebenbürtig mit den Grimms, mindestens. Folgen noch U und Z mit dem letzten Schliff am Denkmal GG: der unermüdliche Unkenrufer vor tumben Zuhörern. „Eine Liebeserklärung“ an Grimms Wörter wollte Grass schreiben, viele gelungene Passagen geben das auch her. Aber Selbstbeweihräucherung tötet das beste Buch.

Günter Grass, Grimms Wörter, Steidl, 360 Seiten, 29,80 Euro.

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