Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Glocksee raubt den letzten Nerv
Nachrichten Kultur Glocksee raubt den letzten Nerv
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:11 15.06.2018
Am Boden: Szene aus „Der letzte Nerv“ im Theater an der Glocksee mit Jonas Vietzke, Helga Lauenstein (Mitte) und Andrea Casabianchi. Quelle: Jonas Wömpner
Hannover

Der Akku, hängt an der Wand, ist leer und blinkt bedrohlich. „Beschreibe deine Gefühle!“ – „Ich habe keine!“ Mit dieser Diagnose beginnt ein 80-minütiges Theaterprojekt im Theater an der Glocksee. „Der letzte Nerv“ ist eine Art Therapie, eine Reise durch die dunklen Windungen der menschlichen Psyche.

Das Publikum wird begrüßt, als handele es sich um Gäste eines Angehörigen-Informationstags in einer psychiatrischen Klinik. Die drei Patienten – eine Astronautin, ein arbeitsloser Designer und eine Maklerin – sind auch die drei Therapeuten. Sie leiden unter Zwängen, Ängsten oder Depressionen: vom Leben draußen überfordert, ausgebrannt und leer. In Gesprächsrunden und Qi-Gong-Kursen versuchen sie ihren Akku wieder aufzuladen und zu sich finden. Und das Publikum nimmt beobachtend in zweiter Reihe Platz.

Regisseurin Lena Kußmann und ihrem Ensemble (Andrea Casabianchi, Helga Lauenstein, Jonas Vietzke) gelingt es, extrem realitätsnah und auf hohem schauspielerischen Niveau psychische Erkrankungen darzustellen. Der verstörende Engtanz des Designers mit einem unbeschriebenen Flipchart verdeutlicht eindringlich und so simpel das Symbol seiner Angst.

Der gläserne Helm der Astronautin steht für die Glocke, die Betroffene unfreiwillig, meistens jedoch bewusst auf und über ihrem Kopf tragen. Sie schützt vor der Außenwelt und isoliert zugleich. Dämmt und verzerrt die Wahrnehmung. Antriebslosigkeit und Perspektivlosigkeit, Selbstaufgabe und Zerstörungswut.

Szenen- und Kostümbild unterstreichen das konsequent. Vor allem in den leisen, ruhigen Szenen entsteht eine beklemmende Intensität auf. Und abrupte Bilder- und Atmosphärenwechsel erschweren es, die Gefühle und das Krankheitsbild der Patienten und Therapeuten einzuordnen, gar zu verstehen – wie im wahren Leben. Dass Erkrankte nur selten von ihrem Umfeld verstanden werden, spiegelt sich in der Publikumsreaktion wieder. Die Mehrheit der Zuschauer lacht während des gesamten Stückes. Schwierig.

Eine tanzende brasilianische Punkerin kapert zudem zum Ende des Stückes anarchisch die Szenerie und hält einen Monolog über die „wahren“ Probleme dieser Welt, die von globaler Natur. So rüttelt sie Patienten und Publikum wach, und katapultiert sie schlagartig zurück in den Alltag mit seiner bedrohlichen Reizüberflutung.

Zeitgleich degradiert sie damit das Thema „psychische Erkrankungen“. Bei den Patienten hilft nun nur noch das Schauen der Zeichentrickserie „Die Glücksbärchis“ – die ultimative Waffe gegen Traurigkeit. Ein kläglicher Versuch, die an die Wand projizierte Akku-Anzeige wieder auf den Idealstand zu bringen.

Von Aline Westphal

Bei Paganini ging die Konzentration flöten, und dennoch war der Jubel groß: Der Saison-Abschluss der Radiophilharmonie geriet erfreulich, auch dank Friederike Starkloff als Solistin.

15.06.2018

Fantastic Negrito hatte alles, verlor alles und gilt heute als neuste schwarze Blues-Sensation. Die Songs seines zweiten Albums „Please Don’t Be Dead“ schrieb er aus Angst um seine Kinder.

27.06.2018

Es geht um den Mythos des Kohlenpotts, um das Ringen um die kulturelle Bedeutung des Ruhrgebiets: Bei den Ruhrfestspielen feierte „Die verlorene Oper. Ruhrepos“ Premiere – eine Koproduktion mit dem Schauspiel Hannover.

14.06.2018