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Kultur Geniale Augenblicke: 500. Todestag von Leonardo da Vinci
Nachrichten Kultur Geniale Augenblicke: 500. Todestag von Leonardo da Vinci
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12:14 02.05.2019
Schön im Detail: Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ ist unbestritten das berühmteste Bild der Welt. Quelle: Urtado Michel/Louvre/Prestel
Hannover

Wie die Heilige Dreifaltigkeit der Pop-Welt sehen sie aus: Im Video ihres Songs „Apeshit“ stehen Sängerin Beyoncé und ihr Mann, der Rapper Jay-Z, vor der „Mona Lisa“. Klar, es muss schon das berühmteste Gemälde der Welt sein, darunter machen es die beiden Superstars nicht. Aber auch die „Mona Lisa“ passt gut in dieses Bild, ist sie doch längst selbst Pop.

Jedes Jahr pilgern Millionen ins erste Obergeschoss des Louvre, zu dem großartigen, mit 77 mal 53 Zentimetern aber gar nicht mal so großen Gemälde. Die „Mona Lisa“ ist kaffeetassentauglich, T-Shirt-Motiv, und als dieser Tage eine große Kunstaktion in Berlin auf die Europawahl aufmerksam machen sollte, malten Konzeptkünstler eine Riesen-Mona-Lisa auf eine Häuserwand im Bezirk Friedrichshain.

Viele Künstler haben sich an der auf dünnem Pappelholz gemalten Dame abgearbeitet: Marcel Duchamp hat ihr einen Bart gemalt, Robert Rauschenberg widmete ihr eine seiner Collagen, Andy Warhol vervielfältigte sie stilvoll in seinem typischen Vervielfältigungsstil, und die britische Street-Art-Ikone Banksy verpasste ihr einen Smiley als Gesicht. Diese kleinen Provokationen und Spielereien funktionieren, weil das Bild einfach so viele kennen. Und deshalb kennt man weltweit auch ihren Schöpfer: Leonardo da Vinci.

Das uneheliche Kind einer armen Waise

Als er vor genau 500 Jahren, am 2. Mai 1519, starb, galt er schon Zeitgenossen als großer Künstler. Heute wird zur Beschreibung Leonardos zumeist der große Begriff Universalgenie gebraucht. Doch war er das wirklich?

Leonardo kommt am 15. April 1452 in der Nähe von Florenz zur Welt. Sein Vater ist Anwalt und stammt aus einer angesehenen Familie, die sich nach dem Ort benannt hat, aus dem sie kommt: „da Vinci“, aus Vinci. In diesem Ort westlich von Florenz wird der kleine Leonardo am Tag nach seiner Geburt getauft. Doch was nach edler Abstammung klingt, ist nur die halbe Wahrheit.

Denn Leonardo ist ein uneheliches Kind, seine Mutter eine jugendliche arme Waise aus der näheren Umgebung. Uneheliche Kinder sind zwar in der Zeit nichts Ungewöhnliches, aber es gibt feste Regeln: Anspruch auf das Erbe des Vaters etwa haben nur die ehelichen Kinder. Auch eine höhere Schule besuchen solche „Bastarde“ eher selten. Auch Leonardo wird keine höhere Bildung genießen – sich aber später viel Wissen selbst erschließen.

Unzweifelhaft ist die Urheberschaft des Meisters bei der „Verkündung“. Quelle: Taschen/Biblioteca Reale, Turin

Er hat Glück, seine Großeltern väterlicherseits nehmen sich seiner an. So wächst er als Teil der höheren Gesellschaft auf – und gehört doch nicht wirklich zu ihr. Wie es scheint, kann sich Leonardo in der Welt seiner Großeltern, unterstützt von seinem Onkel Francesco, frei bewegen. Er streift durch die Natur, beobachtet Vögel – und beginnt zu zeichnen.

Das Zeichnen wird zur Eintrittskarte in eine andere Welt. Sein Vater verschafft ihm eine Stelle in Florenz, er kommt in der Werkstatt des berühmten Malers und Bildhauers An­drea del Verrocchio in Florenz unter. Es ist das Florenz, das unter der Herrschaft der Medici im Zeitalter der Renaissance die Künste und Wissenschaften aufblühen lässt. Zu Leonardos Zeitgenossen gehören Michelangelo, Sandro Botticelli und Raffael. Dort, in Verrocchios Werkstatt, stellt er schnell sein Talent unter Beweis.

Es ist der Beginn einer Künstlerlaufbahn. Doch ist er nicht der Alleskönner, den heute so viele in ihm sehen wollen, sondern vielmehr ein allumfassend Interessierter. Er hat unglaublich viele Ideen, verblüffend zahlreiche Interessen, wahnsinnig viel Wissensdrang – mit der Folge, dass er zeitlebens Probleme haben wird, seine zahllosen Ideen umzusetzen.

Massenvernichtungswaffen, Kanonenboote und Streitwagen

1476 wird er denunziert und muss eine Anklage wegen homosexueller Handlungen befürchten. Leonardo flieht nach Mailand. Dem dortigen Herzog Ludovico Sforza verspricht er ein riesiges Reiterstandbild aus Bronze – es wird nicht über einige Entwürfe hinausgehen.

Er denkt sich Massenvernichtungswaffen aus, Kanonenboote und mit Sicheln ausgestattete Streitwagen – doch das meiste erweist sich als unbrauch- oder unbaubar. Später wird er den Auftrag der Stadtregierung von Florenz annehmen, im Palazzo Vecchio ein Gemälde über die Schlacht von Anghiari anzufertigen – und stellt es nie fertig. Weil stets schon das nächste Interessante wartet.

Er sägt Leichen auf, um möglichst präzise Anatomiestudien zu fertigen. Er will es mit verschiedenen Apparaturen und Ideen schaffen zu fliegen – und schafft es doch zeitlebens nicht. Er will unter dem Eindruck der Pest eine ideale Stadt bauen – es bleibt eine Utopie.

Um möglichst präzise Anatomiestudien anfertigen zu können, sägte Leonardo Leichen auf. Quelle: Taschen

Und ja, natürlich, er malt auch ab und zu ein Gemälde fertig. Doch es sind vergleichsweise wenige: Nur ein gutes Dutzend Bilder wird ihm zugeschrieben. Neben der „Mona Lisa“ malt er die „Verkündigung“, die „Madonna Benois“, zwei Versionen der „Felsgrottenmadonna“ und die „Anna Selbdritt“.

Eine seine größten Leistungen: Er revolutioniert die Frauenporträts. War es bislang üblich, Frauen im Profil zu malen und sie letztlich als Anhängsel ihrer Männer zu sehen, zeigt Leonardo sie frontal. Die Porträts der Ginevra de’ Benci, der Lucrezia Crivelli und der Cecillia Gallerani („Die Dame mit dem Hermelin“) zeigen deutlich, dass er die Dargestellten als eigenständige Individuen zeigen wollte.

Leonardos Frauen haben eine Seele und einen starken Willen, sie bewegen sich in Raum und Zeit, sind Wesen eigenen Rechts in einer Epoche weiblicher Rechtlosigkeit“, schreibt die Kunsthistorikerin Kia Vahland in ihrem Buch über Leonardos Frauen. Und: „Gemeinsam mit seinen femininen Modellen erfindet der Künstler die unabhängige, selbstgewisse Frau, sie wird in seinen Werken zum ebenbürtigen Gegenüber des Mannes.“ Das ist ungewöhnlich für die Zeit.

„Um ein ganzes Werk zu meistern, fehlt ihm das feste Band der Disziplin“

Leonardos berühmtestes Gemälde neben der „Mona Lisa“ ist zweifellos das „Abendmahl“, das Bild, auf dem Jesu Jünger aufgeregt darüber diskutieren, wer ihn, wie soeben von Jesus selbst angekündigt, verraten wird. Es ist bis heute ein Werk voller Dynamik und psychologischer Beobachtungen.

Da er die Freskotechnik, bei der die Farbe auf den frischen Kalkputz aufgetragen wird, nicht mag, experimentiert er mit anderen Malgründen. Doch dabei macht er Fehler, sodass die Farbe schon zu seinen Lebzeiten abbröckelt. Heute gibt es zwar Kopien des Gemäldes. Aber das Original im Speisesaal des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand muss immer wieder aufwendig vor dem endgültigen Verfall bewahrt werden.

Leonardo ist ein großer Meister – aber er ist auch ein großer Meister des Scheiterns. Schon Zeitgenossen bemängeln, dass er sein malerisches Genie vor lauter Flausen im Kopf vernachlässigt hat. „Um ein ganzes Werk zu meistern, fehlt ihm das feste Band der Disziplin“, lästert 1499 Gaspare Visconti.

Am Gemälde „Taufe Christi“ seines Meisters Andrea del Verrocchio soll Leonardo da Vinci mitgearbeitet haben. Quelle: Galleria degli Uffizi/Alessandro Vezzosi/Taschen

Doch Leonardo hat das langsame, zweifelnde Arbeiten längst zu seinem Programm gemacht. Er schreibt, nur wenn ein Maler zur Selbstkritik fähig sei, „wird zweifellos ein hervorragender Schaffender aus ihm, jedoch wird er nur wenige Werke schaffen, aber von solcher Art, dass die Menschen, in Bewunderung verharrend, deren Vollkommenheit betrachten“.

Zwischen 1500 und 1506 – Leonardo ist in diesen Jahren Ende vierzig, Anfang fünfzig – malt er, wieder zurück in Florenz, seine „Mona Lisa“. Eines der Gemälde, deren Vollkommenheit bis heute die Menschen, in Bewunderung verharrend, betrachten.

Die Forschung ist sich mittlerweile sehr sicher, dass das berühmte Gemälde Lisa del Giocondo zeigt, die Ehefrau eines Florentiner Händlers. Davon abgeleitet ist die italienische Bezeichnung „La Gioconda“, „die Heitere“, für das Bild. Das Lächeln der jungen Frau zeigt, warum. Bei „Mona“ handelt es sich wohl um einen Schreibfehler, eigentlich ist „Monna“ gemeint, die Kurzform für „Madonna“. Mit diesem Titel wurde Lisa del Gioconda als Ehefrau (Madonna) von Francesco del Giocondo bezeichnet.

Die „Mona Lisa“ immer im Gepäck

Leonardo da Vinci nimmt die „Mona Lisa“ von nun an mit auf seine Reisen, bis zu seinem Lebensende wird er sie nicht mehr aus der Hand geben – genauso wenig wie seine Darstellung von Johannes, dem Täufer, und der „Anna selbdritt“, dieser Darstellung von Jesus, seiner Mutter Maria und deren Mutter Anna. Immer wieder trägt Leonardo neue Schichten auf die „Mona Lisa“ auf. Am Ende entsteht der von Leonardo da Vinci entwickelte „Sfumato“-Stil, der das Bild wie in nebligem Dunst eingehüllt erscheinen lässt.

Mit den drei Bildern im Gepäck erreicht Leonardo 1516 Frankreich. Der junge König Franz I. schätzt ihn als Maler, aber auch als gelehrten Gesprächspartner. Mit dabei sind seine treuen Gefährten Salai und Francesco Melzi. Am 2. Mai 1519 stirbt Leonardo im Alter von 67 Jahren, manche Biografen behaupten, in den Armen des Königs. Andere wiederum sagen, der Terminkalender des Königs lässt dies unwahrscheinlich erscheinen.

Melzi schreibt kurz nach dem Tod seines Meisters: „Es ist unmöglich, den Schmerz auszudrücken, den ich über seinen Tod empfinde. Solange meine Glieder zusammenhalten, werde ich immerfort unglücklich sein, mit gutem Grund; denn täglich brachte er mir herzliche und heißeste Liebe entgegen.“

Der unumstrittene Star des Louvre: Die „Mona Lisa“. Quelle: Agence photo de la RMN-GP

Die „Mona Lisa“ geht in den Besitz Franz I. über und hängt deswegen – genau wie die „Anna Selbdritt“ und „Johannes, der Täufer“ – in einem französischen und nicht in einem italienischen Museum. Heute befinden sich alle drei Bilder im Louvre, die „Mona Lisa“ seit 1814. Dort muss sie sich anfangs die Aufmerksamkeit anfangs mit anderen Renaissancegemälden teilen. Sie ist nicht der Star unter den Bildern.

Das ändert sich im August 1911. Der Italiener Vincenzo Peruggia will das Gemälde zurück in seine und Leonardos Heimat bringen – und stiehlt die „Mona Lisa“ aus dem Louvre. Der Verlust erregt ein Riesenaufsehen in Frankreich, der Direktor des Museums wird entlassen, das Gemälde gilt schließlich als wichtiger Teil des französischen Kulturerbes – ist dafür aber unsagbar schlecht gesichert.

Erst zwei Jahre später taucht das Bild in Florenz wieder auf, wo ein Kunsthändler zum Schein auf den von Peruggia angebotenen Handel eingeht und so dafür sorgt, dass der Kunstdieb verhaftet werden kann. Doch in Italien werden nun Stimmen laut, das Gemälde in Italien zu lassen. Am Ende kehrt es nach einer Tour durch Italien wieder in den Louvre zurück. Seit 1914 hängt es dort wieder – und ist seitdem der unumstrittene Star des Museums.

Das Leonardo-Jahr begann mit einem Streit

So mancher Italiener sah also sein Land als rechtmäßigen Besitzer der „Mona Lisa“ – und Frankreich zerrte auf der anderen Seite des Bilderrahmens an dem Gemälde. Nationalistischer Schnee von gestern? Mitnichten. Denn das diesjährige Leonardo-Jahr begann mit einem Streit. Fast mit einem drohenden Kulturkampf. Italien wollte ein großes Stück vom diesjährigen Leonardo-Kuchen, Frankreich auch.

Der Louvre in Paris hatte noch mit der sozialdemokratischen Vorgängerregierung in Rom bedeutende Leihgaben aus italienischen Museen vereinbart. Als Höhepunkt von rund 500 Veranstaltungen anlässlich des 500. Todestages von Leonardo wollte der Louvre im Oktober fast alle Gemälde des Meisters vereinen. Doch die Kulturstaatssekretärin der italienischen Rechtspartei Lega, Lucia Borgonzoni, wollte plötzlich neu verhandeln.

Leonardo sei Italiener, in Frankreich sei er „nur gestorben“, erklärte sie italienischen Medien. Mittlerweile kündigte Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron an, den 500. Todestag des Universalgenies am 2. Mai zusammen mit Italiens Präsident Sergio Mattarella in Paris zu begehen. Die Missverständnisse seien ausgeräumt, sagte Macron. Man wird sehen.

Beim sogenannten Selbstbildnis ist unklar, ob es von Leonardo stammt. Quelle: Galleria degli Uffizi/Imago/Taschen

Der Hype um den Linkshänder, Vegetarier, Spiegelschriftschreiber und Lautenspieler Leonardo da Vinci wird in diesem Jahr noch zunehmen. Im Silicon Valley gilt er, der Vordenker von Computern, so manchem als Vorreiter unserer technisierten Welt. Dafür steht der Erwerb des Codex Leicester, einer Handschrift Leonardos, durch einen anderen Vorreiter unseres Computerzeitalters: Bill Gates.

Das Manuskript enthält Abhandlungen zu Themen wie die Eigenschaften des Wassers, Astronomie, Gesteins- und Gebirgsbildung. Erworben hat Gates den Codex Leicester 1994 für 30,8 Millionen Dollar. Es ist damit das teuerste Manuskript aller Zeiten. Doch damit nicht genug der Superlative. Vor zwei Jahren wurde im Auktionshaus Christie’s in New York das GemäldeSalvator Mundi“ für 400 Millionen Dollar (plus knapp 50 Millionen Dollar Gebühren an das Auktionshaus) versteigert.

Es gilt als teuerstes Gemälde der Welt. Allerdings gibt es Zweifel daran, dass Leonardo der (alleinige) Maler des Bildes ist. Auch über den momentanen Lagerort des Bildes ist wenig bekannt (siehe Interview). So hält Leonardo da Vinci auch 500 Jahre nach seinem Tod die (Kunst-)Welt in Atem. Und wird selbst immer mehr zum Popstar.

„Mit Sicherheit eine der bedeutendsten Entdeckungen der vergangenen 100 Jahre“

Wer hat es gemalt? Um den „Salvator Mundi“ gibt es viele Diskussionen. Quelle: Ray Tang/Imago

Vor zwei Jahren wurde das GemäldeSalvator Mundi“ für 450 Millionen Dollar versteigert. Weiß man, wo es sich heute befindet?

Nein. Das weiß man nicht mit Sicherheit. Aufgrund der Aussagen der Restauratoren wissen wir, dass das Gemälde fertig gemacht wurde für einen Transport in die Schweiz. Und wenn es in die Schweiz kommt, dann landet es in der Regel in einem Zollfreilager. Und wenn es in einem Zollfreilager landet, dann in der Regel in Genf. So lautet im Moment die Kette der Vermutungen.

Dort soll es ja wahrscheinlich aber nicht bleiben. Wo soll es denn mal gezeigt werden?

Wir sind bei alldem auf Vermutungen angewiesen. Wir haben es hier ja mit Akteuren zu tun, die nicht für eine zuverlässige, offene Informationspolitik bekannt sind. Eine Vermutung lautet, dass das Gemälde im Louvre Abu Dhabi gezeigt werden soll. Eigentlich schon im September vergangenen Jahres, aber dieser Termin ist verstrichen. Seitdem ist gar nichts passiert.

Es gibt Experten, die das Bild eindeutig Leonardo da Vinci zuschreiben. Sie haben aber Ihre Zweifel. Warum?

Das ist eine sehr wichtige Frage, aber nicht mit einem Satz zu beantworten. Es ist mit Sicherheit ein Altmeistergemälde. Es ist mit Sicherheit ein Gemälde, das in seinem Konzept, seinem Entwurf auf Leonardo da Vinci zurückgeht. Es ist mit Sicherheit in seiner Werkstatt und seinem Umfeld entstanden. Es ist, wie ich finde, eine der bedeutendsten, wenn nicht die bedeutendste Entdeckung auf dem Gebiet der Leonardo-Forschung der vergangenen 100 Jahre. Und es ist wahrscheinlich ein Gemälde, an dem Leonardo mitgearbeitet hat.

Aber?

Aber es ist in einem ruinösen Zustand gewesen, als es auftauchte. Wir wissen bis heute nicht, wie ruinös, da der Restaurierungsbericht mit dem entsprechenden Fotomaterial nie vollständig publiziert wurde. Daher ist eine endgültige Beurteilung schwierig.

Frank Zöllner ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig und weltweit einer der führenden Leonardo-Experten. Im Mai erscheint sein Buch „Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen“ Taschen, 704 Seiten, 40 Euro). Quelle: privat/dpa

Sie sagen, es ist mit Sicherheit aus seiner Werkstatt, aber sehr wahrscheinlich nicht von ihm. Wie können Sie das denn nach mehr als 500 Jahren unterscheiden?

Die Formulierung „sehr wahrscheinlich nicht von ihm“ würde ich gern noch einmal ein wenig präzisieren: Wir müssen uns ein wenig von der Idee der Maximalautorschaft lösen. Wir wissen aus dem Umkreis Leonardos und allgemein aus der Zeit Anfang des 16. Jahrhunderts, dass Künstler Gemälde nicht nur allein malten, sondern dass sie in Werkstätten agierten. Das ist für Leonardo bezeugt. Zum Beispiel ist die „Felsgrottenmadonna“ in der National Gallery in London mit Sicherheit ein Gemälde, das zu einem Teil von Schülern von Leonardo stammt. Da sich dieses Gemälde aber in einer öffentlichen Sammlung befindet und nicht zum Verkauf steht, gibt es diese absurde Diskussion über den Maximalautor nicht.

Was meinen Sie mit Maximalautor?

Den größten anzunehmenden Fall einer 100-prozentigen Autorschaft. Wir müssen uns langsam daran gewöhnen, dass es auch Gemälde von Leonardo gibt, die er zwar entworfen, aber seine Schüler ausgeführt haben – und er lediglich daran mitgearbeitet hat. Wir wissen aus Quellen, dass er zum Schluss noch das eine oder andere am Gemälde verbesserte.

Ist diese Werkstattarbeit ungewöhnlich in der Kunstgeschichte?

Nein, die gibt es auch bei Raffael. Und schauen Sie mal in die zeitgenössische Kunst! Ob das jetzt bei Andy Warhol war oder heute bei Jeff Koons oder Ólafur Elíasson. Diese Kunstwerke gibt es ja auch in vielen Auflagen und Varianten, und die werden natürlich nicht von Koons oder Elíasson hergestellt, sondern von ihrer Werkstatt. Da kräht kein Hahn danach, dass es keine authentischen, allein geschaffenen Werke sind.

Mal unabhängig von der Frage nach der Autorschaft – sind 450 Millionen Dollar für ein Gemälde nicht einfach nur pervers?

Diese Summe ist ein Symbol für die völlig irrsinnige ungleiche Verteilung des Geldes. Für die Herrschenden in Abu Dhabi oder Saudi-Arabien sind 450 Millionen Dollar nicht viel. Irgendjemand hat mal ausgerechnet, dass das für die Scheichs dort etwa so viel ist wie 4000 Dollar für eine vierköpfige amerikanische Familie. Unser moralisches Urteil, diese Summe als obszön einzustufen, ist eigentlich ein Urteil über den Zustand dieser Welt, nicht unbedingt über den „Salvator“.

Nachgezeichnet: Neue Literatur über Leonardo

Alessandro Vezzosi: „Leonardo da Vinci. Die Gemälde. Das komplette Werk“ (Prestel, 288 Seiten, 69 Euro) Quelle: Prestel

Zum 500. Todestag Leonardo da Vincis erscheinen zahlreiche neue Bücher über Leben und Werk des Universalgenies.

Eine schnelle und kompakte Einführung in Leben und Werk des 1452 geborenen und 1519 gestorbenen Künstlers bietet Boris von Brauchitschs Biografie „Das Leben des Leonardo da Vinci“ (Insel, 253 Seiten, 16,95 Euro). Zahlreiche Abbildungen erleichtern das Verständnis.

Eine lesefreundliche Biografie bietet der Historiker und Renaissanceexperte Volker Reinhardt mit seinem Buch „Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt“ (C. H. Beck, 383 Seiten, 28 Euro). Reinhardt erzählt chronologisch und am Werkverzeichnis entlang. So erfährt der Leser hier alles, was er über Leonardo erfahren muss.

Ein bisschen ausführlicher, aber auch trockener zu lesen ist der Beitrag eines anderen ausgewiesenen Renaissancekenners: Bernd Roeck hat seiner Leonardo-Biografie den Untertitel „Der Mann, der alles wissen wollte“ (C. H. Beck, 429 Seiten, 28 Seiten) gegeben – eine solide Einführung, die manchmal am Anspruch des Autors krankt, möglichst jedes Detail aus dem Schaffen des Uomo universale zu beschreiben.

Die Kunsthistorikerin Kia Vahland konzentriert sich in ihrem Buch „Leonardo da Vinci und die Frauen“ (Suhrkamp, 348 Seiten, 26 Euro) auf Leonardos Frauendarstellungen. Aus dieser Perspektive gelingt Vahland eine besondere Darstellung des Künstlers.

Frank Zöllners, Johannes Nathan: „Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen“ (Taschen, 704 Seiten, 40 Euro) Quelle: Taschen

Einen umfassenden, wunderbar illustrierten Überblick über Leonardos Werk gibt Frank Zöllners und Johannes Nathans Prachtband „Leonardo. Sämtliche Gemälde und Zeichnungen“ (Taschen, 704 Seiten, 40 Euro, erscheint im Mai). Pünktlich zum 500. Todestag haben die Autoren ihr Buch von 2012 auf den neuesten Forschungsstand gebracht. Der weltweit anerkannte Leonardo-Experte Frank Zöllner führt in Leben und Werk ein, der Leser kann in zahlreichen Detailvergrößerungen einen ganz neuen Blick auf Leonardos Werk gewinnen.

Ebenfalls mit vielen Detaildarstellungen wartet Alessandro Vezzosis schöner Band „Leonardo da Vinci. Die Gemälde. Das komplette Werk“ (Prestel, 288 Seiten, 69 Euro) auf. Vezzosi zeichnet sich durch einen besonderen Blick auf die Arbeitsweise und Werkstattorganisation Leonardos aus.

Wer keine Zeit hat, dicke Wälzer zu lesen, und trotzdem nicht unvorbereitet durchs Leonardo-Jahr gehen will, kann sich mit Henning KlüversLeonardo da Vinci für Eilige“ (Piper, 128 Seiten, 10 Euro) behelfen. Keines der Kapitel hat mehr als zwei Seiten, so geht es im Eilschritt von der Jugend Leonardos über sein Antikenbild und die Darstellung des Abendmahls bis zur Versteigerung des „Salvator Mundi“. Bei einer solchen Konzeption bleibt naturgemäß viel auf der Strecke – aber für den intellektuellen Partytalk reicht es.

Leonardo da Vinci wirkte nicht nur als Zeichner und Maler, sondern hat auch Flugmaschinen, Roboter und Massenvernichtungswaffen entworfen. Stefan Klein bringt in seinem Buch „Da Vincis Vermächtnis oder wie Leonardo die Welt neu erfand“ (S. Fischer, 336 Seiten, 12 Euro) den Lesern den Wissenschaftler und Weltenbeobachter nahe.

Von Kristian Teetz

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