Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Funny van Dannen sorgt sich
Nachrichten Kultur Funny van Dannen sorgt sich
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:47 13.11.2018
Mit Gitarre: Funny van Dannen.
Mit Gitarre: Funny van Dannen. Quelle: Jaro Suffner
Anzeige
Hannover

Sein neues Buch heißt „Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums“, das neue Album „Alles gut, Motherfucker“. Die Jungs fanden’s gut. Das und mehr erzählt Rundum-Künstler Funny van Dannen (60) im NP-Interview.

Ein Album mit 23 neuen Songs, dazu ein Buch – Sie waren sehr fleißig. Haben Sie zu viel Freizeit?

Das ist halt meine Arbeit, und die mache ich gerne. Darum habe ich immer genug zum Veröffentlichen. Ich bin von meinem Label schon öfter gebremst worden. Aber vielleicht ist es auch okay, dass nicht alles erschienen ist.

Das letzte Album ist vier Jahre her. Damals sagten Sie mir, mit Ihren Kindern hätten Sie genug zu tun bis knapp vor Ihrem 60. Geburtstag. Der war im März. Was hat sich geändert?

Der jüngste Sohn hat jetzt auch Abitur und fängt hoffentlich bald an zu studieren. Die Schule habe ich endlich hinter mir – er hat es bis zum Schluss spannend gemacht.

Und Sie und Ihre Frau können nun „Forever Yin forever Yang“ weitermachen?

Die 6 davor ist schon eine Steigerung. Es wird einem bewusst, dass man im letzten Drittel ist. Die Zeit fliegt einem um die Ohren. Und ich merke, ich bin schneller platt. Ich habe gerade wieder drei Auftritte hinter mir ... Das hat man früher anders weggesteckt.

Sie machen auch nicht wirklich kurze Abende ...

Ja, es geht schon mal länger. Es geht auch nachher schon mal länger (lacht). Es sind ja oft auch noch Freunde und Bekannte da, die vorbeischauen. Da muss ich schon zusehen, dass ich nicht die harten Getränke nehme und vielleicht beim Bier bleibe.

Gehen Sie lieber lesen oder singen?

Lesen ist entspannter. Das Singen ist schon anstrengend. Da muss man aufpassen, dass man es nicht übertreibt. Und im Herbst, dass man sich nicht erkältet. Und im Sommer bin ich nicht so viel unterwegs wegen Allergien ... Da muss ich zusehen, dass ich vor Mai zuhause bin. Wobei: In diesem Sommer habe ich in der Volksbühne gespielt, zum Castorf-Abschied. Da habe ich richtig Lust auf eine kleine Theatertournee bekommen. Es ist ja auch ganz schön, mal vor sitzendem Publikum zu spielen. Die Leute sind stiller und ruhiger.

Und das ist gut?

So zwischendurch finde ich das mal ganz angenehm.

Wie touren Sie im Moment? Ihr Produzent Sascha Hörold ...

... ist die meiste Zeit dabei, wenn er nicht mit seiner eigenen Band unterwegs ist oder mit den Einstürzenden Neubauten, mit denen er ja auch tourt. Das hat Prioritäten.

Er hat Ihnen jedenfalls eine sehr satte Produktion spendiert.

Wobei man dafür heute nicht so viel Aufwand betreiben muss. Man muss nicht mal ins Studio gehen. Wir haben bei mir oben im Atelier aufgenommen. Laptop, Mikro, viel mehr braucht es ja nicht mehr ... Und dann hat der Sascha die restliche Musik dazugetan.

Wie haben Sie die musikalischen Mittel bei den jeweiligen Songs gewählt? „Immer diese Religionen“ ist ja fast schon Punk.

Sascha macht halt, und ich höre mir an, ob mir das gefällt. Hier fand ich es sehr passend.

Dieser Song gehört – neben „Farben“ und „Jemand blutet“ – zu den Liedern des Albums, mit denen Sie sich sehr klar positionieren. War es an der Zeit?

Ich denke schon. Der Wahnsinn tobt. Rechtsradikales Denken ist sowieso ein Übel, aber gerade in Deutschland ist es skandalös. Da muss man sich ganz klar positionieren. Und was die Religionen betrifft: Die stiften auch viel Unfrieden. Natürlich muss man differenzieren. Den Papst zum Beispiel finde ich schwer in Ordnung. Das ist ein Mann, der verbindet, und das ist gut. Schlimm sind – und das schreibe ich auch in dem Lied – die trennenden Tendenzen.

Bei Ihnen sehe ich zumindest animistische Tendenzen. Da ist ein Geist in allen Dingen, ob das nun die Sterne sind, die einem Liebespaar auffordernd „Fickt euch!“ zurufen, oder der Cowboystiefel aus Ihrem Buch, der eitel durch die Gegend läuft.

Das religiöse Gefühl an und für sich ist ja nicht verkehrt. Auch wenn man sich verbunden fühlt mit dem Rest der Schöpfung. Aber es ist an der Zeit, gerade mit unserem Stand der Wissenschaft, dass die Menschen sich bewusst werden, dass wir auf einer kleinen Erde durchs riesige Weltall fliegen und wir eine Einheit sind. Und nicht in Gruppen verfallen, die sich zerfleischen.

In „Farben“ heißt es: „Die Gesellschaft mit braunen Flecken – ist sie faul oder einfach nur beschissen?“ Was meinen Sie?

Ich glaube schon, dass etwas faul ist. Wo haben die Aggressionen, die sich Bahn brechen, ihre Ursachen? Woher kommt diese Wut? Manchmal ja auch zu Recht – wenn man zum Beispiel an den Hambacher Forst denkt, an die 200 Hektar, die da gerodet werden. Da hätte sich die Wut schon viel früher entladen müssen, gerade von den Leuten vor Ort, aber auch von den Grünen in NRW. Und auch hier hätte die Kirchen vorwegmarschieren müssen.

Um das revolutionäre Potenzial der Kirchen war es aber – gerade im Westen – nie sonderlich doll bestellt ...

Nee, wirklich nicht. Die haben sich einfach wegkaufen lassen

Und dann muss der Künstler ran?

Wenigstens sollte man bei aller Ohnmacht noch einmal das Wort erheben.

Wie entscheiden Sie, auf welche Weise Sie das Wort erheben, ob als Lied oder Erzählung oder Gedicht oder Bild?

Meist entscheidet sich das an der ersten Zeile. Oft trägt sie ja schon Musik in sich, dann wird in der Regel ein Song daraus. Manchmal entstehen aus Bildern Songs und umgekehrt. Das schreibe ich alles in meine Poesiealben ...

In Ihre Poesiealben?

Ja. Da schreibe und zeichne ich hinein. Von denen habe ich mittlerweile 200 oder so. Jedenfalls schreibe ich da erst mal rein. Dann lasse ich es zwei, drei Monate liegen, und dann wird sortiert.

Und in allen vier Ecken muss Liebe drinstecken?

Genau (lacht).

Wie wählen Sie dann die Titel aus? War „Die weitreichenden Folgen des Fleischkonsums“ etwa der Versuch, den Zeitgeist zu bedienen?

Naja, eines meiner erfolgreichsten Bücher war „Neues von Gott“. Da müssen einige Leute zugegriffen haben, die sich wirklich Neues von Gott erhofft haben.

Und jetzt zielen Sie auf Veganer?

Genau (lacht). Nein, den Titel habe ich irgendwann mal aufgeschnappt und dachte, den könnte ich nehmen. Das ist einfach ein sehr weiter, offener Begriff.

Und „Alles gut, Motherfucker“?

Da hatte ich diese Collage gemacht und dachte: „Ach, eigentlich auch ein ganz guter Titel.“ Ich habe meine Jungs gefragt, ob das geht, weil „Motherfucker“ nunmal so ein inflationärer Begriff ist wie „spannend“ oder „auf Augenhöhe“ oder „authentisch“. Aber sie meinten: „Kannste noch machen.“

Funny van Dannen live: am 7. März in der Faust-60er-Jahre-Halle. Karten kosten 25 Euro plus Gebühren.

Von Stefan Gohlisch