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Kultur Folletts "Säulen der Erde" im Fernsehen
Nachrichten Kultur Folletts "Säulen der Erde" im Fernsehen
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11:44 14.11.2010
Mönche, Mauern, Mordgesindel: Die Kathedrale wächst, die Liebe auch. Am Ende unterliegen die Bösen.
Mönche, Mauern, Mordgesindel: Die Kathedrale wächst, die Liebe auch. Am Ende unterliegen die Bösen.
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VON MATTHIAS HALBIG

Schiff in Flammen. Der Thronerbe ertrinkt. Als sein Vater Heinrich stirbt, ignoriert man dessenNachfolgewunsch, das England des frühen zwölften Jahrhunderts färbt sich unter König Stefan I. blutrot – in einem endlosen Bürgerkrieg, der in den Geschichtsbüchern als „die Anarchie“ verzeichnet ist. In dem (fiktiven) Städtchen Kingsbridge wächst in dieser Zeit unter dem Maurer Tom Builder und dem Prior Philipp eine Kathedrale empor, an der sich die Mächte reiben. Am (etwas hastigen) Ende kommt eine gewaltige Staatsintrige ans Tageslicht und verschluckt die Intriganten. Die Kathedrale aber steht weiß und strebsam im englischen Grün.

Ein 1150-Seiten-Wälzer ist der Film geworden. Der britische Thriller-Fürst Ken Follett („Die Nadel“) hatte sein Faible für politische Kulissenschieberei und Spionage 1989 auf den florierenden Historienroman übertragen und ersann die zweitinteressanteste Mittelalter-Saga (nach Ecos „Der Name der Rose“). Das Werk galt sofort als unverfilmbar, was Leute vom Schlage Ridley Scotts („Königreich der Himmel“, „Robin Hood“) für gewöhnlich nur anspornt. Mit Bruder Tony („Unstoppable“) hat der mediävistisch Versierte die Produktion gestemmt – für 40 Millionen Dollar Kosten. Vier Montage lang wird in dem kanadisch-deutschen Vierteiler abendfüllend geliebt, gehasst, gerüstet, gerungen, gebetet, geflucht, entmachtet, entleibt. Einmal stürzt das Kirchendach ein, weil der Mörtel noch nicht trocken war. Bausünden gabs immer.

Die stolze Länge von 400 Minuten erlaubt dem Zuschauer, die verwirrende Geschichte zu ordnen, sich den arg vielen Figuren zu nähern. Zwar fehlt die Farbentsaugung, die TV-„Säulen“ haben aber sonst durchaus Leinwandqualitäten. Das Blut spritzt in Fontänen wie im Kino, und ein Bischof brüllt das F-Wort für Vagina, auf dass die Engelein im Himmel über England kollektiv erröten. Ein veritables Kostümfest hat der renommierte US-Fernsehregisseur Sergio Mimica-Gezzan („Battlestar Galactica“) inszeniert. Die Schauspieler sind – bis auf Donald Su­therland – kostensparende zweite Popularitätsgarde, spielen aber souverän auf: Matthew Macfa­dyen erinnert als braver Prior an Tom Hanks, Ian McShane steht als Bischof Waleran die Verderbtheit im Gesichte, Eddie Redmayne ist ein britpoppig romantischer Baumeister Jack, und die „Hexe“ Ellen würde man gern öfter im Bild sehen, so sinnlich und selbstbewusst strahlt Natalia Wörner als mittelalterliches Powerweib mittleren Alters.

Das zwölfte Jahrhundert erscheint so dunkel, wie es das Klischee verlangt. Alles voller Hals-, Ohr- und Ehrabschneider. Und der omnipräsente Gott? Gott ist ein Spielball, getarnt als mächtigster Spieler. Er ist das Instrument der Liebe, ist eine Lizenz zum Töten, der Schöpfer als Geschöpf, das höchste Wesen im Kerker kleinlicher Interessen. Die Bediensteten und Berufenen Gottes nutzen dessen Ungreifbarkeit, um das Licht der Freiheit und Selbstbestimmung von den Menschen fernzuhalten. Noch an einigen Flecken der Welt ist das ja schon auf Zeitenhöhe.

Dass es ihn gibt, daran lässt Follett wenig Zweifel. Gott erfüllt die Prophezeiungen Ellens und verteilt den Welt- und Kirchenfürsten finale Denkzettel. Das Gute bleibt, das Böse sinkt. Gerechtigkeit, die selten siegende, siegt in diesem imposantesten Moralspiel des Fernsehjahres.

Sendetermine: montags, 20.15 Uhr: 15. 11., 22. 11., 29. 11., 6. 12.

Bewertung: 4/5