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Kultur „Club der Roten Bänder“ – Der Film zur Serie
Nachrichten Kultur „Club der Roten Bänder“ – Der Film zur Serie
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06:00 11.02.2019
Freundschaft in der Not: Benjamin „Benni“ Sorg (Jürgen Vogel, links) und Leonard „Leo“ Roland (Tim Oliver Schultz) lernen sich auf der Krebsstation kennen. Quelle: Foto: Universum
Hannover

Nun ja, am Ende der dritten und letzten Staffel der Serie bildeten die Zuschauer dann ihren eigenen Verein, den „Club der roten Augenränder“. Alles endete erwartet traurig, wenngleich mit dem Trost, dass in der Welt der Teenager Leo (Tim Oliver Schultz), Emma (Luise Befort) und Hugo (Nick Julius Schuck) Treffen nach dem Tod möglich sind, dass Mitglieder der „Roten Bänder“-Society sich in einer Zwischenwelt sehen und sprechen können, und dass der „Club“ aus schwer erkrankten Jugendlichen mit neuen Mitgliedern durchaus eine Zukunft haben könnte.

Das Kinoprequel trifft den Tonfall der Serie „Club der roten Bänder“

Magischer Realismus, „Fünf Freunde“-Romantik (es waren genau gesagt fünf Freunde und ein Geist) und betrübliche Krankenhauswirklichkeit wurden beim Sender Vox kunstfertig miteinander verwoben. Die deutsche Adaption einer spanischen Originalserie hielt drei Staffeln lang ihr Niveau durch ein ausgefeiltes Drehbuch und eine glaubwürdige Besetzung. Voran der charismatische Tim Oliver Schultz, der als damals Endzwanziger den 17jährigen Leo, den Anführer des Clubs, eindrucksvoll wie einen Cäsaren der Krebsstation spielte.

Der Fernsehsender hörte auf, als es am erfolgreichsten war. Vox-Geschäftsführer Bernd Reichart versprach: „Die Geschichte liegt uns zu sehr am Herzen, als dass wir sie nun darüber hinaus strecken und verwässern würden.“

Weil man aber dem Wunsch der Fans nach einem Wiedersehen nachkommen wollte, verlegte man sich nun auf die Vorgeschichte der Clubmitglieder und aufs Kino. Die Serienmacher – Regisseur Felix Binder und die Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf – übernahmen auch diesen Job, und so passt das Kinoprequel „Club der Roten Bänder – Wie alles begann“ – im Tonfall trefflich zu der Serie, wird an keiner Stelle des Films der Verdacht bestätigt, hier solle eine Preiskuh zu Tode gemolken werden.

Tim Oliver Schultz könnte noch in zehn Jahren einen Teenager spielen

Die gewordenen Schauspieler müssen ihre jüngeren Figuren verkörpern, was ihnen mehrheitlich relativ gut gelingt. Vor allem Schultz könnte womöglich noch in zehn Jahren problemlos einen Teenager darstellen. Einzig der Junior der Gruppe, der komatöse Hugo, schafft den Rücksturz in die Vergangenheit nicht ohne optische Glaubwürdigkeitsdefizite. So hält man seine Auftritte eben knapp. Er ist vor allem der Erzähler aus dem Off, der dem Publikum poetisch ausmalt, wie sich krank anfühlt und wie man einsam sein kann inmitten von Menschen.

Es geht etwas holzschnittartig in die Familien des Clubs, bestehend weitgehend aus abgestuft unsympathischen Nichtverstehern von Kinderseelen. Toni (Ivo Kortlang) hat einen aggressiven Vater und zieht zu seinem liebenswerten Opa. Emma wird zuhause nicht wahrgenommen und antwortet mit Medikamentensucht und Essstörungen. Jonas’ (Damian Hardung) älterer Bruder ist ein Sadist, die Eltern von Alex (Timur Bartels) sind kühl und distanziert und Leo hat eine krebskranke Mutter, einen überforderten Vater und eine Schwester, die aus purer Verzweiflung Krankenwitze reißt: „Warum muss einer mit Krebs keinen Schnee schippen? Weil der Krebs streut.“

Der Kino-„Club“ ist vor allem ein Fest für die Fans

Leo ist auch hier die zentrale Figur, die Vergangenheiten der anderen garnieren seine Geschichte. Beim Fußballspiel bricht er mit Schmerzen im Bein zusammen, ein Tumor am Schienbein wird diagnostiziert, die Chemo schlägt nicht an. Im Krankenhaus wird er in ein Zimmer mit Benni (Jürgen Vogel) gepackt. Der scheint zunächst stumm, vergräbt sich in seinen Krebs, taut dann aber auf und wird Leos Ratgeber für Sterbenskranke.

Leos und Bennis Geschichte ist die ausführlichste des Films, voller berührender Momente der Freiheit wie einem gemeinsamen Joint auf dem Dach oder einem Rollstuhlrennen auf dem Flur. Die Riesenradszene mit Emma, Romantik und jähem Ende derselben erinnert an Jimmy Dean und Julie Harris in Elia Kazans „Jenseits von Eden“.

Natürlich ist der Kino-„Club“ vor allem ein Fest für die Fans. Die freuen sich ihrer Erinnerungen, seufzen zu den vielen Anspielungen, fühlen sich wohl angesichts der vertrauten Figuren etwa des väterlichen Patienten Benito (Matthias Brenner) oder des robusten Pflegers Dietz (Sahin Eryilmaz). Das Vergnügen des Novizen fällt entsprechend kleiner aus, immerhin kann er danach in die Serie eintauchen.

Das Wiedersehen hat funktioniert – aber jetzt sollte Schluss sein

Das komplette Publikum nimmt mit nach Hause, dass schwere Krankheiten einsam machen, dass zum geborgenen Weiterleben Einfühlsamkeit, Aufrichtigkeit und so viel Normalität wie möglich gebraucht werden. Wobei sich zum körperlichen Schmerz stattdessen oft auch noch die Entfremdung und Verkrampfung des Umfelds gesellen, eine Feigheit vor dem Feind des Nächsten.

„Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“, zitiert Benni Spider-Man (und damit zugleich Voltaire, Richard Nixon und Astrid Lindgren). Der Satz sei nun auch den Machern auf die letzte Drehbuchseite geschrieben. Danke für das Wiedersehen, es hat funktioniert, aber, nein, wir wollen nicht wissen wie die Leute mit den roten Bändern in der Grundschule oder Krabbelgruppe drauf waren.

Von Matthias Halbig / RND

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