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Kultur „Wir“ – Amerikanische Schatten in der Auffahrt
Nachrichten Kultur „Wir“ – Amerikanische Schatten in der Auffahrt
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18:00 19.03.2019
Angst vor den „Schatten“ (von links): Jason Wilson (Evan Alex) mit seinen Schwestern Adelaide (Lupita Nyong’o) und Zora (Shahadi Wright Joseph). Quelle: Foto: Universal
Hannover

Mit dem Horrorfilm „Get Out“ legte Jordan Peele vor zwei Jahren ein fulminantes Regiedebüt vor. Innerhalb der Grenzanlagen des Genres inszenierte er eine beißende Gesellschaftssatire, die die Mikro-Ressentiments der weißen Oberschicht präzise analysierte und zu einem veritablen Schreckensgemälde ausbaute.

Peele erweist sich in „Wir“ erneut als hochtalentierter Filmemacher

Mit seinem Erstling verortete sich Peele selbstbewusst im Mainstream, fuhr bei einem Produktionsbudget von 4,5 Millionen Dollar ein weltweites Einspiel von 255 Millionen ein und konnte sogar noch den Oscar für das beste Drehbuch mit nach Hause nehmen.

Die Fallhöhe für die zweite Regiearbeit war dementsprechend groß. Aber in „Wir“ beweist sich Peele erneut als hochtalentierter Filmemacher mit einem großen Herzen fürs Genrekino, das er auch hier wieder mit Effizienz und Intelligenz für sich in Gebrauch nimmt. Der Film beginnt 1986 auf einem Jahrmarkt am Meer. Die zehnjährige Adelaide (Madison Curry) ist mit ihren Eltern dort, die sich wie immer streiten. Sie schleicht sich davon und geht hinunter zum Strand.

„Finde Dich selbst“ steht in flackernder Neonschrift auf dem Spiegelkabinett, in das es das Mädchen hineinzieht. Drin in den dunklen Gängen trifft sie nicht nur auf ihr Spiegelbild, sondern auch auf ein Mädchen aus Fleisch und Blut, das genauso aussieht wie sie selbst.

„Da steht eine Familie in der Auffahrt“, sagt der zehnjährige Sohn

Nach dieser klassischen Anfangsschocksequenz spult der Film vor in die heutige Zeit. Adelaide Wilson (Lupita Nyong’o) ist inzwischen selbst Mutter zweier Kinder und mit ihrem Mann Gabe (Winston Duke) auf dem Weg in den Urlaub. Die Erlebnisse damals haben sie tief verstört und nachhaltig traumatisiert. Im Ferienhaus ihrer verstorbenen Mutter und bei einem gemeinsamen Ausflug an den Strand von Santa Cruz werden die verdrängten Erinnerungen wieder wach.

„Da steht eine Familie in der Auffahrt“ sagt eines Abends ihr zehnjähriger Sohn Jason (Evan Alex). Bewegungslos verharren vier Gestalten in roten Overalls vor dem Haus, die sich bei genauerem Hinsehen als leicht heruntergekommenes Ebenbild der Wilsons erweisen. Die Mutter schnipst mit den Fingern und es dauert nur wenige Minuten, da sind die Wiedergänger ins Haus eingedrungen.

„Wir sind eure Schatten“ sagen sie und: „Wir sind Amerikaner“. Schon bald wird klar, dass die Nachbildungen nicht länger im Untergrund bleiben wollen, sondern ihren Vorbildern nach dem Leben trachten, um deren Stelle im hellen Licht der Sonne einzunehmen.

Die Angst des Menschen vor sich selbst wird wortwörtlich umgesetzt

In „Wir“ geht Peele von der einfachen Prämisse aus, dass der Mensch am meisten Angst vor sich selbst hat, und setzt diese Grundannahme in aller Wortwörtlichkeit höchst effizient in Szene. Tief unter der Erde lebt eine düstere, animalischere Version des eigenen Ichs, die hier nun mit aller Gewalt die Herrschaft übernehmen will. Eine wahrhaft gruselige Vorstellung, mit der Peele hier unterbewusste Ängste vor dem eigenen, abgespaltenen Bösen auf äußerst plastische Weise ins Bild setzt.

Diese Wiedergänger sind keine bloßen Monster, sondern Geschöpfe mit einer eigenen Seele, die durch lebenslange Unterdrückung geprägt ist und gleichzeitig eng mit dem überirdischen Dasein der privilegierten Ebenbilder verknüpft ist. Wenn Adelaine und ihre Familie in den Kampf gegen ihre Widersacher ziehen, dann stirbt mit jedem Replikanten auch ein Stück ihrer selbst.

Der Originaltitel „Us“ kann als Kürzel für „United States“ stehen

Aber natürlich greift Peeles Metaphorik auch weit über das individuell Psychologische hinaus. Auf eine nationale Traumatherapie verweist nicht nur das Bekenntnis der Monster „Wir sind Amerikaner“, sondern auch der Original-Filmtitel „Us“, der ebenfalls als Kürzel für „United States“ gelesen werden kann.

Anders als im Vorgängerfilm „Get Out“ spielt Peele hier die gesellschaftspolitischen Verweise nicht direkt an, sondern schafft Assoziationsräume, die Fragen und Deutungsmuster in verschiedene Richtungen eröffnen. So lässt sich der Film auch als düsterer Kommentar auf die Diskrepanz zwischen digitaler Selbstdarstellung und eigenem physischen Sein, die Ängste vor Identitätsverlust oder das Lebensgefühl einer fremdgesteuerten Existenz interpretieren.

All das erzählt Peele im Gewand eines äußerst funktionalen Genrefilms, in dem sich die Einflüsse von Klassikern wie Don Siegels „Die Dämonischen“ genauso wieder finden wie die psychologische Dringlichkeit und gesellschaftliche Relevanz von Michael Haneckes „Funny Games“. Vor allem jedoch ist „Wir“ ein verdammt gut gemachter Film, der durch Originalität, Klarheit, präzises Handwerk und eine gelungene Abmischung zwischen Schrecken und Humor überzeugt.

Die Schauspieler in Doppelrollen sorgen für eine irre Seherfahrung

Messerscharfe Schnitte treiben das Geschehen effizient voran. Die Kamera von Mike Gioulakis („Glass“) entwickelt mit einer ausgeklügelten Licht- und Schatten-Dramaturgie und ausgefallenen Kameraperspektiven eine enorme Sogwirkung. Alles richtig gemacht hat Peele auch bei der Besetzung. Der Plot bringt es mit sich, dass alle Hauptakteure Doppelrollen spielen müssen und alle Beteiligten bauen die Zweigesichtigkeit ihrer Charaktere zu einer faszinierenden Seherfahrung aus.

Lupita Nyong’o („12 Years a Slave“) erweist sich als schauspielerische Naturgewalt, die den Film mit enormer Präsenz zusammenhält, aber auch die beiden Kinderdarsteller Shahadi Wright Joseph und Evan Alex generieren beträchtliches Leinwandcharisma.

Nach George Tillmans „The Hate U Give“ und Barry Jenkins’ „Beale Street“ beweist nun auch „Us“ eindrücklich, dass die interessantesten Impulse in Hollywood derzeit von afroamerikanischen Filmemachern ausgehen.

Von Martin Schwickert / RND

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