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Kultur Ferdinand von Schirach über Schuld und Strafe
Nachrichten Kultur Ferdinand von Schirach über Schuld und Strafe
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14:44 26.11.2018
Herzlich vernünftig: Ferdinand von Schirach im Theater am Aegi.
Herzlich vernünftig: Ferdinand von Schirach im Theater am Aegi. Quelle: Samantha Franson
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Ferdinand von Schirach ist irritiert: Wenn er im Theater am Aegi das Pult berührt, an dem er steht, gibt es einen vernehmlichen Knacks in den Lautsprechern. Und hinter der Bühne hat er – zum ersten Mal bei einem seiner Auftritte, wie er betont – ein Schild gesehen, das besagt: „Bei Feueralarm weiterspielen“.

Allzu lange lässt sich der erfahrene Strafverteidiger und Schriftsteller davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Er gibt zu, dass er die oft gestellte Frage „Warum schreiben Sie“ zunächst als Vorwurf empfunden hat und dass er Lesungen meist etwas langweilig findet – weshalb er das übliche Prozedere etwas abwandelt und zunächst von Sokrates erzählt, über den er sich mit Alexander Kluge für den Band „Die Herzlichkeit der Vernunft“ ausgiebig unterhalten hat.

Wer hatte Recht, Sokrates, der den Staat verändern wollte oder die Athener Richter, die ihn dafür zum Tode verurteilten? Zumindest in einem Punkt hält es von Schirach mit Sokrates: Endgültige Wahrheiten, wie sie Religionen oder Autokraten, aber auch die Justiz, gerne vorgeben, gibt es keine – was uns bleibt, ist unsere Menschlichkeit.

Von der von Schirach dann nach der Pause in drei Geschichten aus seinem aktuellen Buch „Strafe“ berichtet, das die Trilogie („Verbrechen“ erschien 2009, „Schuld“ 2010) beschließt. Von Kindern, die einen blinden Mann verletzen, von einem stellvertretenden Supermarktleiter aus Kreuzberg, der, selbst nicht besonders groß, die Körpergröße aller klein geratenen Prominenten auswendig kennt und sich kurzzeitig für einen respektierten Drogenhändler hält, bis er von der Justiz auf kuriose Weise wieder zurechtgestutzt wird oder – in seiner persönlichsten Geschichte, wie von Schirach einleitend erklärt - von einem Freund, der sich zugrunde richtet, weil er sich am Tode seiner Frau mitschuldig fühlt.

Sein Resümee ist es auch, das Ferdinand von Schirach einst dazu bewogen hat, mit dem Schreiben zu beginnen: „Vielleicht hast du Recht, es gibt kein Verbrechen und keine Schuld, aber es gibt eine Strafe“. Worüber es, wie der Abend gezeigt hat, nachzudenken lohnt.

Von Matthias Wieland