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Kultur Feine Sahne Fischfilet feiern ihr „krankes Jahr“
Nachrichten Kultur Feine Sahne Fischfilet feiern ihr „krankes Jahr“
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14:44 30.12.2018
Mit viel Druck: Monchi (links) mit Feine Sahne Fischfilet in der Swiss-Life-Hall. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Monchi ist außer Atem und nassgeschwitzt. Er verschränkt die massigen Arme hinterm Kopf. Durch ein Loch im Shirt blitzt die Achsel, darunter der Bauch. Monchi lässt fassungslos den Blick schweifen über die Masse in der Swiss-Life-Hall, die ein einziger Moshpit ist, und spricht noch einmal davon, was für „ein krankes Jahr“ das doch war, für ihn und seine Band Feine Sahne Fischfilet.

Jan „Monchi“ Gorkow ist ganz unverhofft eine der wichtigsten Bands des Jahres, und das liegt nicht unbedingt an der Musik. Die geht klar und deutlich nach vorne, zweieinhalb Stunden lang, harte Gitarren, Ska-Bläsersätze, jeder Refrain ein Slogan, klassischer Jugendzentrumspunk mit Haltung, Wut und Energie. Hinterher geht’s ins Café Glocksee. Da haben Feine Sahne Fischfilet noch vor zwei Jahren gespielt.

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Dann kam 2018, das Jahr, in dem die Mehrheit nicht mehr schweigen wollte angesichts rechter Demagogen und rassistischer Gewalt – und erkannte, dass das Sextett aus Mecklenburg-Vorpommern immer schon dort waren. Man sah im Kino Charly Hübners Dokumentation „Wildes Herz“ über die Band, ihre Kampagne „Noch nicht komplett im Arsch“ und ihre Konzerte gerade dort, wo es im Osten besonders braun und düster ist. Man hörte sie beim „Wir sind mehr“-Festival in Chemnitz, und man verfolgte, wie das Bauhaus Dessau dem Druck von Rechts nachgab und ein Feine-Sahne-Fischfilet-Konzert absagte.

Der Band hat’s nicht geschadet. Die Swiss-Life-Hall ist seit Wochen ausverkauft. 5000 glückliche Karteninhaber feiern heftig, ausdauernd und textsicher, von der ersten Zeile an. „Es geht los, es geht los heute Nacht“ singen sie „Zurück in unserer Stadt“ – und weiter: „und scheißen vor eure Burschenschaft“.

Monchi, Hassfigur der rechten Szene, macht gar kein Geheimnis aus seiner Rüpelhaftigkeit, spricht oft und gerne und mit schwerem Dialekt, sagt „Loide“ und „verfickt“, spotzt Bier ins Publikum und wirft die Flaschen gleich hinterher. Grobe Zeiten erfordern grobe Mittel. Er, der frühere Fußball-Ultra, der mal auf dem besten Wege war, ein schwerer Junge zu werden, ist heute einer, dessen Stimme Gewicht hat. Und der sie nutzt: „Angst frisst Seele auf“ widmen sie der Linken-Politikerin Katharina König-Preuss. In „Suruç“ geht es um einen Selbstmordanschlag, den er als Teil eines Hilfskonvois im türkisch-syrischen Grenzgebiet erlebte.

Das Hannover-Konzert ist der Tourabschluss. Viele Weggefährten sind da, Monchis Bruder, Betreiber von Stammclubs und -kneipen aus der Heimat und auch „Professor Armin“: Armin Burkhardt, 66 Jahre alt, Vorstand der Gesellschaft für deutsche Sprache und Feine-Sahne-Fan. Und alle werden sie einmal durchs Publikum gereicht.

Es ist eine große Party, es geht um Liebe, auch zu den Eltern („Niemand wie ihr“), um „Wut“ und Ekstase („Alles auf Rausch“) und immer wieder um das geliebte Meck-Pomm. „Wenn das ein Hasskonzert sein soll, sollte es viel mehr solche Hasskonzerte geben“, sagt Monchi einmal. Es geht um Selbstvergewisserung, um Hoffnung, am Ende um Heimatmusik: für eine Heimat, die man nicht den Nazis überlassen möchte. Und Monchi, dieser unwahrscheinliche Held, ist ein neuer Volkssänger. „Komplett im Arsch“, ihre Hymne, singen sie zum Schluss: „Keine Ahnung, wie es weiter geht.“ Von wegen.

Von Stefan Gohlisch