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Kultur Es war einmal ... der Rave
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15:37 24.02.2019
Technisch und schauspielerisch beeindruckend: Szene aus der Inszenierung „Es war einmal das Leben“ im Schauspielhaus. Quelle: Karl-Bernd Karwasz
Hannover

Ein Mann stirbt. Er ist alt, er hatte einen Autounfall; im Krankenhaus wird auch noch ein Hirntumor attestiert. Es wird ein langer Leidensweg – für ihn und auch für die Besucher der Premiere von „Es war einmal ... das Leben“ im Schauspielhaus.

In 26 Episoden erklärte die gleichnamige Zeichentrickserie ab 1986 Kindern anhand drolliger vermenschlichter Zellen, was so alles passiert im Körper, leicht verdaulich in 25-Minuten-Happen. Regisseur Łukasz Twarkowski macht aus seiner 27. Folge im Theater eine Art HBO-Miniserie, als vierstündiges Bingewatching.

Nicht, dass er wenig zu erzählen hätte: Da ist der Sterbende (in der Premiere musste sehr kurzfristig Wolf Bachofner für den erkrankten Dieter Hufschmidt einspringen). Da ist der ödipale Sohn, Typus Carsten Maschmeyer (toll: Janko Kahle) mit Lex-Luthor-Proportionen und schauspielernder Gattin (Sarah Franke). Twarkowski erzählt von moderner Forschung, ihren moralische Fragen und ihrer medialen Ausschlachtung – hier brilliert Mathias Max Herrmann,als öliger Moderator und Inhaber des Senders „Life“. Und immer wieder schlägt er in Vor- und Rückgriffen spielerische Schneisen in die Erzählebenen.

Multiperspektivisch und exzessiv multimedial setzt Twarkowski das Leben, den alten Wiederholungstäter, in Szene. Einen solchen Einsatz von Videotechnologie (Kamera: Tobias Haupt) hat man so – und auch so beeindruckend – im Schauspiel Hannover noch nicht gesehen. Ein Clip und ein Trip. Körperliches Theater ist das, mit dem ganzen Saal als Resonanzraum. Die Bühne (Fabien Lédé) ein wandelbarer Wunderkasten, mal Außen-, mal Innenleben, mal Labor, mal Körperinneres. Um das menschlich Machbare geht es hier, auch in Bezug auf Bühnentechnik.

Sein oder Nichtsein, „Tumour or not Tumour“, „Exit“- und „Exist“-Strategien, Technobabbel und Technomusik. Glücklich, wer die Gnade der späten Musiksozialisation erfahren hat und die Klänge nostalgisch als Soundtrack der Kindheit verklären kann. Der Soundtrack (Bogumił Misala) ist wuchtig; oft nervt er auch. Was mit etlichen Beats per Minutes wummert, ist auch das Herz des Zuschauers.

Twarkowski überreizt es. Keine noch so gute Idee hält es stand, wenn man sie zigfach wiederholt und in die Länge zieht. Wenn sich etwa im finalen Bewusstseinsstrom Erinnerung und Gegenwart technisch perfekt überlagern, sieht man das nicht ein- oder zweimal, sondern dutzendfach. Und hinten tanzt der Krebs (Hagen Oechel), während die genveränderte Zelle ihre Ware feilbietet wie Ecstacy-Pillen. Ein Gutteil der zweiten Hälfte ist ein einziger Rave – wenn die Worte versagen ....

„Endlich!“, ruft ein Besucher in den Saal, noch bevor der Premierenapplaus einsetzt. An Überfluss und Überdruss krankt der Abend. Nicht mit einem Skalpell, gleich mit der Knochensäge müsste man an fast jede Szene dieser Inszenierung herangehen, damit es um den Patienten besser stünde. Mag sein, es ginge ihm sogar richtig gut.

Ein Interview mit dem Regisseur finden Sie hier.

Mehr zum Stück finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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