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13:24 22.02.2019
Guter Dinge: Łukasz Twarkowski inszeniert „Es war einmal ... das Leben“ im Schauspielhaus. Quelle: Christian Behrens
Hannover

Radikal multimedial: Der polnische Regisseur Łukasz Twarkowski (36) gilt als einer der aufregendsten jungen Theatermacher. Im Schauspielhaus inszeniert er „Es war einmal ... das Leben“ – und zwar die 27. Folge der nur 26 Teile umfassenden Zeichentrickserie, die Kindern in den 80ern erklärte, was im Körper passiert.

Welche Geschichte erzählen Sie?

Tatsächlich sind es gleich mehrere Geschichten. Unsere Inspiration war diese alte französische Zeichentrickserie, die, glaube ich, ziemlich wichtig war für viele Menschen und ihre Vorstellung vom menschlichen Körper. Aber seit damals hat sich die Wissenschaft enorm weiterentwickelt, und dieser alte Blick auf den Körper wirkt nahezu lächerlich. Eine der größten Veränderungen ist die allgegenwärtige Gentechnik. Der Frage, wie diese Technik neu definiert, wie wir uns als Menschen sehen, widmen wir uns unter anderem.

Damals sah man kleine Wesen durch den Körper wuseln, der an sich unveränderbar war ...

Genau das. Es gab dort eine Art zentrales Gehirn, das alles andere gesteuert hat. Transportiert wurde das Bild, dass man nicht wirklich Herr seines Körpers ist, sondern dass erst viele kleine Wesen einen zu dem machen, was man ist. Das ist auch ein ganz alltägliches Gefühl: dass man mit seinem Körper in ein Zwiegespräch tritt, damit er tut, was er soll. Der Körper kann unser Partner sein, unser Feind, unser Liebhaber ... Dieses Verhältnis ändert sich ständig.

Wann haben Sie die Serie zum ersten Mal gesehen?

Ich glaube, sie wurde erstmals in Polen ausgestrahlt, als ich vier war. Als ich sie bewusst gesehen habe, war ich vielleicht, fünf oder sechs Jahre alt. Und weil das Fernsehangebot in Polen nicht sonderlich groß war, wurde diese Serie umso wichtiger.

Werden Sie in Ihrer Inszenierung Übersetzungen der damaligen Serie finden, oder ist sie für Sie nur der Ausgangspunkt?

Es ergibt nicht wirklich Sinn, uns an etwas abzuarbeiten, was es schon gibt. In dieser Performance machen wir so etwas wie die 27. Folge einer Serie, von der es bislang nur 26 Folgen gibt: Wie könnte eine solche Folge heute aussehen? Was sind die entscheidenden Dinge, die man erzählen muss?

Nämlich?

Liebe. Älterwerden. Jemanden zu verlieren. Es ist komisch, wenn man bemerkt, dass man Mitgefühl entwickelt für all die kleinen Wesen aus der Serie und realisiert, dass sie alle sterben müssen, jeden Tag. Das ist der Kreislauf des Lebens. Wir haben auch eine Hauptfigur, weil wir jemanden brauchten, um dessen Körper es geht. So kamen wir auf Dieter Hufschmidt. Es wird eine Reise in einen älteren Körper. Weil wir in den Körper von jemanden gucken wollten, der schon viele, viele Erinnerungen hat.

Sie arbeiten üblicherweise sehr multimedial. Hier auch?

Ja. Weil ich finde, dass Theater ein cooler Ort ist, um mit den Dingen zu arbeiten, die nichts mit Theater zu tun haben. Hier multimedial zu arbeiten, gibt einem Möglichkeiten, die es im Film nicht gäbe. Multimediales Theater ist viel immersiver als Kino. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, das Publikum und seine Erwartungen zu beeinflussen, nicht nur durch Video, sondern auch durch Musik und Tanz und alles zusammen.

Sie arbeiten mit einem recht großen Ensemble, auch einem sehr gemischten. Nicht dabei ist ein sehr junger Mensch. Warum?

Vielleicht weil ich auch nicht mehr ganz jung bin (lacht). Irgendwie sucht man als Regisseur ja doch jemanden, der das Alter Ego sein könnte.

Und das ist Dieter Hufschmidt?

Vielleicht. Wir sehen jedenfalls Dieters Körper – okay, jetzt verrate ich alles –, und das ist ein Körper, der im Koma liegt. Wir beschäftigen uns also nicht nur mit diesen kleinen Wesen darin, sondern auch damit, was in seinem Kopf passiert. Wir wissen heute, dass das Gehirn von Komapatienten immer noch funktioniert, irgendwie. Aber wir wissen nicht, was genau dort passiert. Was geschieht in einem Bewusstsein, das sich seiner selbst nicht bewusst ist?

Diese Tiefenbohrung ins Unterbewusste ist ein klassisches Theaterthema ...

Zumindest träumen viele Theatermacher davon, in das Unterbewusstsein zu gucken: Wie verlassen wir unsere alltägliche Sicht der Dinge und dringen tiefer vor?

Wird es eine durchgehende Erzählung geben oder eher einen Bewusstseinsstrom?

Da es auf so vielen unterschiedlichen Ebenen spielt, kann es keine klassische durchgehende Geschichte geben. Es gibt eine ganz simple Lebensgeschichte, die sich um unseren Helden dreht. Dann geht es um all das, was mit Wissenschaft zu tun hat; die Fakten müssen wir auch irgendwie hineinschmuggeln. Und wenn wir in den Körper hineingehen, übernimmt die Fantasie. Diese Serie ändert sich vollkommen, wenn man sie nicht als Kinderserie betrachtet, sondern als Kunstwerk, das mit viel Fantasie gestaltet wurde.

Schon der Titel „Es war einmal ... das Leben“, deutet darauf hin, dass das Leben etwas ist, was überwunden werden kann, vielleicht schon überwunden wurde. Ist das auch Thema?

Es klingt fast traurig: als gäbe es kein Leben mehr. Uns geht es erst einmal um eine bestimmte Krankheit, eine ganz bestimmte Person, eine ganz bestimmte Lebensgeschichte. Aber natürlich haben wir darüber gesprochen, was es bedeutet, wenn der Tod eines Tages nicht mehr absolut ist: Das ist der nächste große Schritt in der Geschichte der Menschheit, seit wir Gott getötet haben. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Und dann gibt es „Es war einmal ... der Tod“?

Ja, genau.

Mehr über die Inszenierung finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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