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Kultur „Es ist ein enormer Druck“: Helga Lauenstein über Freies Theater
Nachrichten Kultur „Es ist ein enormer Druck“: Helga Lauenstein über Freies Theater
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00:00 18.12.2010
Führungstrio: v. l. Christoph Linder, Laetitia Mazzotti, Helga Lauenstein.
Führungstrio: v. l. Christoph Linder, Laetitia Mazzotti, Helga Lauenstein.
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VON EVELYN BEYER

Ihre frühere Leiterin Claire Lütcke hatte einen Burnout – macht Freies Theater krank? Leben freie Theatermacher nicht ihren Traum?

Es ist ein enormer Druck, immer einen Mangel zu verwalten, immer mit zu wenig Geld und zu wenig Leuten arbeiten zu müssen. Claire Lütcke hat die gesamte Organisation gemacht, auch die Buchhaltung – und dazu Regie geführt. Zu inszenieren war sicher ihr Traum, das hat sie sehr gern und sehr gut gemacht. Aber die gesamte Last war einfach sehr groß. Es ist traurig zu sehen, wie Claire sich 21 Jahre lang krummgelegt hat – und nun die Krankheit. Das ist sehr bitter.

Nun gibts die Richtungsänderung – wegen des Rückzugs?

Auf alle Fälle standen wir vor einer neuen Situation, mussten uns eine neue Regie suchen – ganz automatisch ändert sich da etwas. Unabhängig davon aber haben wir nach Wegen gesucht, unser Publikum zu verjüngen – vor allem Jüngere dazuzugewinnen. In Bezug auf das Theater bin ich auch sehr hoffnungsvoll, es gibt viel Enthusiamus und Spielfreude.

Die „Marquise von O“ ist sehr schräg und sehr anders inszeniert als Ihre bisherigen Stücke. Was sagt das Publikum?

Überwiegend sind die Reaktionen sehr positiv, besonders bei Jüngeren, aber nicht nur bei denen. Einige reagieren konsterniert, manche auch sehr heftig. Das Publikum war an Claires Regiestil gewöhnt, das ist eine Umstellung.

Und wird es so weitergehen?

Natürlich spielen wir jetzt nicht nur noch Farce, das war ein Ausprobieren, jetzt kommt anderes. Unser Profil, dass wir mit literarischen Vorlagen arbeiten, mit Romanen und Erzählungen, bleibt erhalten, damit sind wir ja in Hannover ziemlich einmalig. Aber wir wollen vermehrt Stücke spielen, zum Beispiel den Kirschgarten im nächsten Jahr. Da zeigen wir auch ein neues Stück von Martin Crimp, „Auf dem Lande“, es wird die erste Regiearbeit von Laetitia Mazzotti werden.

Stückinszenierungen sieht man auch im Staatstheater – was ist daran dann noch Freies Theater?

Unser Zugriff unterscheidet sich immer, schon aus sachlichen Notwendigkeiten, weil wir ein kleines Ensemble sind, mit Doppelbesetzungen arbeiten. Aber es sind auch künstlerisch eigene Ansätze. So gehen wir anders mit Raum um. Beim Kirschgarten etwa ist das Haus der Protagonisten vollgestopft mit Reminiszenzen, manche schön, rührselig, andere bedrängend, einengend. Das setzen wir direkt um und lassen von Vorstellung zu Vorstellung stehen, was sich auf der Bühne ansammelt. So etwas gäbs im Schauspielhaus nicht.

Ihre Schauspielkunst wird immer wieder gelobt – hat es Sie nie an eine größere Bühne gezogen?

Eigentlich war das hier immer mein Kind, es ist großartig, selbstbestimmtes Theater zu machen, von der Stoffauswahl bis zur Umsetzung. Das ist die glanzvolle Seite der Medaille Freies Theater. Nun müssen wir sehen, wie wir weitermachen, wie wir die organisatorische Seite sinnvoll auf drei aufteilen. Wir haben viel vor, wollen ein Büro einrichten, unseren Außenraum gastlicher gestalten und eine neue Reihe starten: Lesungen mit Musik, „Suppkultur“ soll das heißen. Wir sehen zuversichtlich in die Zukunft.

INFO

Das Theater an der Glocksee wurde vor 21 Jahren von Studenten, Dozenten und Absolventen der Abteilung Schauspiel der Hochschule für Musik und Theater in unbenutzten Räumen des UJZ Glocksee gegründet. Mit bilderstarken Umsetzungen von Stücken, aber auch Romanen oder Novellen machte es sich einen Namen; es wird von der Stadt konzeptionell gefördert. Im August 2010 hatte Claire Lütcke, bis dahin künstlerische und organisatorische Leiterin des Hauses ihren Rückzug aus dem Theater bekannt gegeben; Grund ist eine Burn-out-Erkrankung. Seither führt eine Troika aus Gründungsmitglied Helga Lauenstein sowie den Ensemblemitgliedern Laetitia Mazzotti und Christoph Linder das Theater weiter.