Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Erzählungen von gequälten Seelen
Nachrichten Kultur Erzählungen von gequälten Seelen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:44 08.02.2019
Helena Zengel spielt Benni in „Systemsprenger“. Quelle: kineo/Weydemann Bros./Yunus Roy Imer
Berlin

Den Namen Nora Fingscheidt sollte man sich von jetzt an gut merken. Bislang war die 36-Jährige schon unter Dokumentarfilmern ein Begriff (Max-Ophüls-Siegerin mit „Ohne diese Welt“). Gestern nun katapultierte sich Fingscheidt bei der Berlinale in die internationale Riege der Autorenfilmer mit einem ebenso knallharten wie einfühlsamen Spielfilmdebüt, das von der Not und der Wut einer Neunjährigen erzählt – und ebenso von der Hilflosigkeit der Helfer.

Das Mädchen Benni (Helena Zengel) ist ein „Systemsprenger“, so auch der Filmtitel. Benni tickt wie eine Zeitbombe, die jederzeit explodieren kann. In einem Moment ist sie das lustigste Mädchen der Welt, im nächsten donnert Benni ihren eigenen oder auch den Kopf eines anderen Kindes gegen die Fensterscheibe. Benni will nach ihrer Odyssee durch Wohngruppen und Sonderschulen nur eines: zurück zu ihrer Mama. Und die hat Angst vor ihrer eigenen Tochter.

Die Angst des Zuschauers um das Mädchen wächst

Ja, da sind Menschen um Benni herum, die das Beste für sie wollen, so wie Frau Bafané (Gabriela Maria Schmeide) vom Jugendamt oder der Anti-Gewalt-Trainer Micha (Albrecht Schuch). Aber sie versuchen sich an der Quadratur des Kreises: Was Benni braucht, sind feste emotionale Bindungen. Und genau diese können ihr professionelle Helfer nur bis zu einem gewissen Maß bieten. „Systemsprenger“ entwickelt sich zu einem Thriller, in dem die Angst des Zuschauers um Benni mit jeder Minute wächst.

Fingscheidts Beitrag ist der erste von drei deutschen im Bären-Rennen – und ein vielversprechender Auftakt. Schon am heutigen Sonnabend folgt Fatih Akin mit seinem sehnsüchtig erwarteten Frauenmörder-Thriller „Der Goldene Handschuh“.

Gesellschaftspolitische Anklage

Und dann tauchten im Wettbewerb gestern gleich noch einmal gequälte Seelen auf: François Ozon ist immer für eine Überraschung gut. Er versteht sich genauso auf beschwingte Komödien („Acht Frauen“) wie auf feine Psychodramen („Unter dem Sand“ mit Charlotte Rampling, der auch die Hommage dieser Berlinale gewidmet ist). Nun erhebt der Franzose in „Gelobt sei Gott“ eine gesellschaftspolitische Anklage: Bis in Details rekapituliert er, wie sich die Opfer eines pädophilen Priesters Jahrzehnte nach den Verbrechen zur Wehr setzen. In ihrem Namen zieht Ozon gegen ein monströses katholisches Schweigekartell zu Felde.

Die Berlinale wurde am heutigen Donnerstag eröffnet. Zahlreiche Promis zeigten sich auf dem Roten Teppich.

Dabei bezieht sich der Regisseur auf eine wahre Geschichte, die für Schockwellen über Frankreich hinaus bis in den Vatikan hinein gesorgt hat. Die Urteile gegen den Priester Bernard Preynat und auch gegen Lyons Erzbischof Philippe Barbarin sind noch gar nicht gesprochen.

Dokumentarische Genauigkeit

Ozon arbeitet mit beinahe dokumentarischer Genauigkeit. Alles beginnt damit, dass ein 40-jähriger Familienvater entdeckt, dass sein einstiger Peiniger noch immer in Amt und Würden ist und sogar mit Kindern arbeitet. Alexandre (Melvil Poupaud) vertraut zunächst auf den behaupteten Aufklärungswillen von Erzbischof Barbarin. Bald aber lässt er sich von scheinheiligen Gebeten nicht mehr abspeisen. Er sucht nach weiteren Opfern unter einstigen Pfadfindern - und setzt eine wahre Aufklärungslawine ins Rollen.

Ozon zeigt akribisch, wie die Beschäftigung mit der verdrängten Vergangenheit schmerzt. Alte Wunden reißen wieder auf, Beziehungen drohen zu zerbrechen. Und wie halte ich es mit Gott, wenn dessen Vertreter auf Erden so viel Schuld auf sich laden?

„Gelobt sei Gott“ Ist ein anstrengendes, aber auch ein (ge)wichtiges Werk. Viel dichter kann ein Regisseur der Gegenwart im Kinoformat kaum auf den Pelz rücken. Der Anwalt des beschuldigten Priesters versucht, den geplanten französischen Kinostart am 20. Februar zu verhindern. Anfang März wird in Frankreich ein Urteil gegen Erzbischof Barbarin erwartet. Er ist angeklagt, viele Dutzend Kinder im Stich gelassen zu haben.

Von RND/Stefan Stosch

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Der „Gott of Schlager“ kehrt zurück: Hardy Schwetter alias Christian Steiffen frönt zum dritten Mal auf spezielle Weise den Klängen der „Hitparade“-Ära. Im Interview spricht er über sein neues Album (erscheint am 8. Februar), über seine wahren musikalischen Vorlieben und über jemanden, der im Sturm sein Herz erobert hat.

13.02.2019

Fast wäre er noch Lawrence von Arabien geworden. Der britische Schauspielers Albert Finney ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

08.02.2019

Er spielte zusammen mit Audrey Hepburn und war der Detektiv Hercule Poirot im Orientexpress. Nun ist der britische Schauspieler im Alter von 82 Jahren gestorben.

08.02.2019