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Kultur Einzelschicksale bei den Theaterformen
Nachrichten Kultur Einzelschicksale bei den Theaterformen
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16:04 26.06.2019
Gegenüber: Blick in die Installation „Aleppo. A Portrait of Absence“. Quelle: Foto: Christian Altorfer
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Hannover

Sie kommen aus verschiedenen Ländern Afrikas und aktuell aus Hannover, Braunschweig, Soltau und Wolfsburg. Manche sind genitalverstümmelt, andere sind geflohen, um sich und ihre Töchter vor diesem Schicksal zu bewahren. Sechs Frauen, Aktivistinnen gegen diese barbarische Praxis, lassen die Zuschauer in Cumberland an ihrem Schicksal teilhaben, bei der Performance „My Body Belongs to me“ von den Regisseuren Laila Soliman und Ruud Gielens beim Festival Theaterformen.

Man erwartet ein Jammertal und wird überrascht: Starke Frauen stehen da, erzählen kämpferisch und singen kraftvoll. Es geht um das Spielen der Kindheit, um die Liebe, um Zukunftswünsche. Umso schwerer wiegt es, wenn es um die tatsächliche Misshandlung geht, um die hier alles kreist: um die Zumutung, dass Frauen, die nicht beschnitten sind, stinken und unrein seien, um die Schmerzen des Eingriffs, um die barbarische Praxis, Gebärende nach der Niederkunft gleich wieder zuzunähen.

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Man kann nicht nachvollziehen, was diesen Frauen widerfahren ist, insbesondere als Teil der weißen deutschen aufgeklärten Mehrheitsgesellschaft. Aber der Beifall, den insbesondere die Frauen aus dem selben Kulturkreis bei er Premiere zollen, zeigt, dass die Botschaft ankommen. Es ist eine Botschaft der Hoffnung, nämlich der, endlich anzukommen in einer neuen Heimat: als Frau, als Mensch.

Erinnerungen an eine zerstörte Heimat

Von der Heimat, die fehlt, erzählt „Aleppo. A Portrait of Absence“. Der in Berlin lebende syrische Autor Mohammad Al Attar stellte fest, dass selbst in seinen Träumen Trümmer die Erinnerung an seine Heimatstadt überlagern. Und so bat er Freunde, ihre Erinnerungen zu teilen, zu erzählen, zu konservieren. Und so sitzt man als Zuschauer nun im Pavillon einzeln einem Schauspieler gegenüber, der diese einem eine dieser Geschichten erzählt.

Von Salam zum Beispiel, der in Aleppo das Französische Kulturinstitut errichtete, für den dieser Ort der Punkt war, an dem sich ihm die Welt erschloss und der floh, als die Militärs anrückten. Heute ist das Haus zerstört wie fast alles in dieser Stadt. „Ich will nicht zurück“, sagt er: „Ich glaube, ich würde zusammenbrechen.“

Schweigend sitzen die Zuschauer danach da und sollen doch noch eine Nachricht an die Erzähler auf Band sprechen. Die Worte fehlen. Die Erinnerung bleibt.

Ein Interview mit Martine Dennewald, der künstlerischen Leiterin der Theaterformen, finden Sie hier.

Eine Programmübersicht finden Sie hier.

Einen Text über den Festivalauftakt finden Sie hier.

Außerdem: Rezensionen und Vorschauen zu „Die Geschwindigkeit des Lichts“, „A Call to Dance“ und „Kurzzeit“.

Von Stefan Gohlisch