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Kultur Eine Zeitreisende mit Zukunft: „Ariadne“ rettet die Welt
Nachrichten Kultur Eine Zeitreisende mit Zukunft: „Ariadne“ rettet die Welt
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15:28 01.08.2011
Von Matthias Halbig
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Kirsten John.
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Zeitreisen sind ein Menschheitstraum, speziell ein Jungenstraum. Zu allen Zeiten wollte jeder Steppke mal in andere, vielversprechendere Epochen eintauchen Wie schön wärs Ritter sein zu können an Barbarossas Hof oder Westernheld in Tombstone, mal die Klinge führen zu können bei den Musketieren oder an Caesars Seite reiten.

Träume, die wenn nicht Wirklichkeit, so doch Kunst wurden. In Literatur und Film wurden Zeitkutschen, tunnelartige Apparaturen und zuletzt ein Source Code ersonnen, mit denen Menschen die Zeit befahren konnten. Physikalische Phänomene wie Wurmlöcher ermöglichten den Enterprise-Kapitänen Kirk und Picard Stippvisiten im Gestern (und Morgen). Harry Potter zeitreiste im „Askaban“-Band mit Hilfe von Zauberei.

Bei Kirsten John nun reist ein Mädchen. Auch bei „Ariadne“ Wallenstein fühlt sich die Fertigkeit für den Leser wie Magie an, und ist doch, so behauptet es zumindest der Vater des flügge werdenden Mädchens, „Wissenschaft“. In einer Familie, die „sonderbegabte“ Menschen zuhauf birgt – Baby Aella kann unsichtbar werden, Schwester Alex durch Gefühle Dinge entflammen – tritt Ariadne das Erbe ihres zeitreisenden Großonkels Pluvius an. Zuerst gelingt ihr nur räumliche Teleportation – sie landet immer wieder im Keller bei den Gurken. Dann glückt der erste Zeitsprung. Und schon bald steckt Ariadne in einem handfesten Weltrettungsabenteuer. Ihr Großonkel kann ihr gerade noch einen Schlüssel zustecken, da wird er von einer bleichen Hand in einen Riss in der Zeit gezerrt. Mit Pluvius‘ aus dem Jahr 1968 geholter Teenagerausgabe und dem Jungen Moritz (der laut Onkel „eine wichtige Rolle spielen wird“) will Ariadne ihn befreien, zugleich das Kästchen zum Schlüssel finden. Darin ist ein Schatz von universeller Bedeutung versteckt und der muss in die richtigen Hände, weil er sonst das Gefüge der Welt für immer verändern kann.

John schreibt humor- und temperamentvoll, gibt ihrem Genre-Mix aus Fantasy und Science-Fiction immer wieder mit prima getimten Überraschungen Kicks und schafft sich ein eigenes Regelwerk für Zeitreisen. Auslöser (auch unkontrollierter Trips) ist bei Ariadne das Erschrecken (vorzugsweise vor Faden spinnenden Achtbeinern, womit dem Mythos der antiken Sagen-Ariadne Rechnung getragen wird). John erledigt auch die Paradoxien des Zeitreisens mit kecker Fantasie (Ohnmacht bei Selbstbegegnungen) und schafft so eine plausible Variante unserer Welt, in der man sich als Leser vergnügt und wohlfühlt, in der ein Charakter aus den Swinging Sixties mit der Umgangssprache von 2011 seine liebe Not hat (und umgekehrt) und in der das Personal mehr ist als Storyträger. Die Pubertät etwa macht aus den beiden Kerls des Weltrettungsteams Rivalen um Ariadnes Gunst.

Es gibt in Johns Buch seriöse Zeitreisende, versehentlich in Zeitlöcher Gefallene, und „Sammler“, die die Zeitlöcher dehnen, Abzweigungen schaffen, die Zeit absichtsvoll durcheinanderbringen (was an die Universen-Löcher in Philip Pullmans „Das magische Messer“ erinnert). Dann sind da noch die mythischen Zeitwächter, die Disziplin und Vorsicht vor Eingriffen in die Zeit zu des Zeitreisenden obersten Geboten erhoben haben. Schließlich genügte in Ray Bradburys Kurzgeschichte „Sound of Thunder“ der Tod eines Schmetterlings 60 Millionen Jahre vor Christi Geburt um (buchstäblich) gravierende Veränderungen in der Gegenwart zu bewirken. Bei John braucht man allerdings schon im Mittelalter nicht mehr ganz so vorsichtig zu sein beim Kontaktaufnehmen mit der Bevölkerung. Pluvius‘ und Moritz‘ Bruchenball-Spiel im Matsch mit den Dorfjungs gehört zu so einigen Szenen dieses Buchs, die „Verfilm mich!“ schreien. Es könnte Ariadne in einer der noch zu schreibenden Romane indes teuer zu stehen kommen, dass sie ihre eigene Großmutter Penelope durch einen Tipp vor dem frühen Tod durch ein herabstürzendes Piano bewahrte.

Im derzeitigen Gewimmel der papierenen Vampire sticht eine Zeitreisende heraus. Klar, es gibt auch in diesem Bereich ganze Bücherserien, „Zeitdetektive“ und „magisches Baumhaus“, aber das sind Episoden-Romane für kleinere Kinder mit eher grob skizziertem, sehr funktionalem Personal. „Ariadne“aber ist mehr, eine echte Romanheldin, mit ihr hat John vielleicht ihren „Harry Potter“ gefunden. In der antiken Sage war der kretischen Königstochter, deren Faden Theseus aus dem Minotaurus-Labyrinth half, kein langes Glück (und Leben) beschieden. Johns Ariadne ist anders drauf: Sie will eindeutig mehr als diese acht Zentimeter im Buchregal. Eine Zeitreisende mit Zukunft.

Kirsten John: „Ariadne – Zeitreisende soll man nicht aufhalten“, Arena, 320 S., 14,99 Euro.

Bewertung: 5/5