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Kultur "Ein ganz kleines Massenmedium"
Nachrichten Kultur "Ein ganz kleines Massenmedium"
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19:24 01.09.2011
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Perry Rhodan“-Leser kennen Sie als Wim Vandemaan. Wie kam es zu dem Pseudonym?

Pseudonyme haben Tradition bei Heftromanen. Das hat mich schon als Schüler fasziniert. Und da ich auch Holländisch studiert habe, sollte es bei mir dann eben, als ich gebeten wurde, meinen ersten Roman zu schreiben, ein holländisches Pseudonym sein. Wim ist die holländische Form von William – wie William Voltz, dem legendären „Perry“-Autor. Und „Vandemaan“ heißt so viel wie „Mann im Mond“. Das passte.

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Wie kommt man als promovierter Akademiker zu der Serie?

Ich habe eben wie viele Akademiker bereits in der Jugend „Perry Rhodan“ gelesen. Als es dann einige Jahre später um meine Promotion ging, sagte mir mein Doktorvater: „Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich noch eine Promotionsarbeit über Lyrik betreuen möchte?“ So kamen wir auf das Thema, wie naturwissenschaftliche Sach-Informationen, also zum Beispiel astrophysikalisches oder biogenetisches Wissen, vermittelt werden. Das half. Als Dozent der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel wollte ich schließlich eine Science-Fiction-Schreibschule nach Vorbild des US-amerikanischen Clarion-Workshops aufbauen. Da hat „Perry“-Chefredakteur Klaus Frick mit einigen Autoren ein fulminantes Seminar abgehalten. So kam der Kontakt zustande. Es folgte die Frage, ob ich ein Außen-Lektorat übernehmen könnte. Und schließlich wurde ich „Perry Rhodan“-Autor.

Sie scheinen so etwas wie der Spezialist für das ganz alltägliche Leben der Zukunft zu sein ...

Das ist auch etwas, das mich ganz besonders interessiert. Oft gibt es Initialzündungen, die man im fertigen Heft vielleicht gar nicht mehr erkennt. Ein Beispiel: Im aktuellen Zyklus tauchen die Auguren auf, die höchstentwickelten Neuro-Ingenieure überhaupt. Ausgangspunkt war ein Radio-Beitrag, in dem von Wissenschaftlern berichtet wurde, die Hautschichten auf Mäuse gedruckt haben. Sie sagten, in 20, 30 Jahren würden sie in der Lage sein, Organe wie Herz und Leber zu drucken. Das ist ein verschwindend kleiner Zeitraum. Ich stellte mir die Frage: Kann man das irgendwann nicht auch mit einem Gehirn machen?

Es geht in den Heften aktuell auch um eine Jugend, die von ihren Eltern nicht mehr verstanden wird und umgekehrt. Das klingt zeitweilig wie ein Kommentar dazu, wie „Perry Rhodan“ von der heutigen Jugend wahrgenommen wird.

Es ist immer auch biografisch: Ich habe eine 17-jährige Tochter (lacht). Es ist schon erstaunlich, wie avanciert, schnell und sonderbar ihre Kommunikationswege sind. Heftromane müssen archaisch auf sie wirken. Das haptische Element, ein Buch zu halten, kennen Jugendliche doch kaum noch. Science-Fiction ist immer ein Kommentar zur Gegenwart – und veraltet mitunter. Es gibt alte „Perry Rhodan“-Hefte, in denen er einen Stapel Lochkarten zum Computer schleppt; da fassen wir uns heute an den Kopf. Aber: Gute Science-Fiction-Geschichten – das war schon bei Jules Verne so – sind immer Reisegeschichten. Viel faszinierender als die Geräte, mit denen man reist, ist immer die Reise selbst.

Welche Bedeutung hat „Perry Rhodan“ heute noch?

Ein Kollege von mir, auch ein Wissenschaftler, hat „Perry Rhodan“ bezeichnet als „ein Massenmedium, aber ein ganz kleines“. Wir sind weit davon entfernt, ein wirklich großes Massenmedium zu sein wie RTL, aber wir sind populär. Und wie ich von Denis Scheck (Literaturkritiker und „Druckfrisch“-Moderator, d. Red.) gelernt habe, ist das, was wir heute aus der Vergangenheit lesen, in der Regel Literatur, die damals sehr populär war. Wir stehen also nicht so schlecht da.

Sie sind dafür bekannt, viele eigene Figuren einzuführen. Wie leben Sie damit, dass diese – im Gegensatz zu den unsterblichen Hauptfiguren – dem Serien-Tod geweiht sind?

Nicht alle! Wir haben es immer wieder geschafft, Figuren am Leben zu erhalten. Aber wir bewahren auch eine Distanz ihnen gegenüber. Sie sind literarisches Material. Ich habe aber auch Figuren, die in gewisser Weise leben. Sie sind zusammengesetzt aus dem Charakter von Menschen, die ich kenne, und einem Äußeren, das ich zum Beispiel von Schauspielern oder aus Otto- oder Quelle-Katalogen habe.

Wie nah ist Ihnen Perry Rhodan selbst?

Den habe ich anfangs gescheut. Der kam mir vor wie ein Auto, das jeder fährt, zu wenig konturiert. Mein Aha-Erlebnis war ein Gespräch mit Klaus Frick, der mir sagte, er wisse nicht einmal, welche Musik Rhodan höre. Da habe ich in Rückblicken gewisse Dinge festgelegt, die diese Figur greifbarer machen. Er hört zum Beispiel Bill Haley. Es geht doch letztlich um die Frage: Wie agiert jemand, der 3000 Jahre gelebt hat? Ich habe den Eindruck, dass er seitdem gelassener geworden ist, aber immer noch neugierig.

Sind das auch Eigenschaften, die Sie sich für sich wünschen würden, wenn Sie ewig lebten?

Ich würde es mir nicht wünschen, ewig zu leben: ständig miterleben zu müssen, wie alle Kinder und Freunde sterben ... Perry Rhodan ist ein Mann, der das seit Jahrtausenden erleidet.