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Kultur Ein „deutscher Meister des Verbrechens“ – neuer Roman über Fritz Haarmann
Nachrichten Kultur Ein „deutscher Meister des Verbrechens“ – neuer Roman über Fritz Haarmann
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17:14 19.02.2020
Drei Jahre am „Haarmann“ geschrieben: Dirk Kurbjuweit, Autor und Journalist, lebt in Berlin und arbeitet für den Spiegel.  Quelle: Montage
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Hannover

Schreiben über Haarmann: Dirk Kurbjuweit (Redakteur beim Spiegel) schickt in seinem Roman einen Kommissar auf Ermittlungstour durchs Hannover der Zwanzigerjahre.

Herr Kurbjuweit, das Lied „Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Haarmann auch zu dir...“ kannten Sie vorher?

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Das ist mir aus meiner Kinderzeit noch vertraut. Meine Oma hat es mir manchmal vorgesungen.

Was hat Sie am Thema Haarmann fasziniert?

Den Film „Der Totmacher“ fand ich faszinierend, vor allem Götz George. Geplant war eine Serie – bei so vielen Morden kann man ja auch gut eine Serie machen –, und ich wurde gefragt, ob ich ein Buch zur Serie schreiben kann. Erstmal wollt ich nicht, dann habe ich mich intensiver mit dem Thema befasst und fand einige gesellschaftliche und politische Aspekte so zeitgemäß und heutig, dass ich mich dann doch darauf einlassen wollte.

Was kann man heute aus dem Fall Haarmann lernen?

Das grundsätzliche Thema ist die Frage nach der inneren Sicherheit. Diese Frage stellt sich bis heute an die Demokratie: Kann sie die Sicherheit ihrer Bürger gewährleisten? Dass sie für Wohlstand sorgen kann, das weiß man inzwischen – ob sie das immer gerecht macht, ist dann eine andere Frage ... Die Frage der Sicherheit war ganz wichtig in der jungen Demokratie der Weimarer Republik: In Hannover verschwindet ein Junge nach dem anderen – und die Bürger haben sich schon gefragt, was hier eigentlich los ist.

Der als gemeingefährlich diagnostizierte Serienmörder Fritz Haarmann Quelle: dpa

Die Rechten spielten in der Zeit eine besondere Rolle ...

Es gab immer noch eine Menge Monarchisten, vor allem im Staatsapparat. Und Hitler spielte auch schon eine Rolle, mit seinem Putschversuch 1923 in München. Es waren insgesamt unsichere Zeiten, und es kamen bald Zweifel auf, ob die Demokratie darauf die richtigen Antworten finden würde. Diese Frage nach der Sicherheit stellen wir uns ja unter anderen Vorzeichen bis heute.

Wäre ein Fall Haarmann heute noch möglich?

Leider ja. Es gibt immer wieder Fälle von Serientätern. Denken Sie an den Pfleger, der fast 90 Menschen umgebracht hat. Denken Sie an das sogenannte Mordhaus in Höxter, wo über Jahre Frauen schwer misshandelt und umgebracht wurden. Ich fürchte, das ist nie vorbei. Und es verschwinden Jahr für Jahr so viele Menschen, ohne dass wir wissen, was mit ihnen passiert ist.

Warum damals gerade Hannover, was haben Sie herausgefunden?

Hannover hat ja heute eher den Ruf einer etwas langweiligen Stadt, in der nichts los ist ...

Na, na, na ...

Ich selbst kann mir da kein Urteil erlauben, da ich das heutige Hannover nicht richtig kenne. Damals war Hannover eine, das haben die Recherchen ergeben, sehr, sehr lebendige Stadt, ein verkehrstechnischer Knotenpunkt. Es wurde viel gefeiert, es soll mehr Prostituierte gegeben haben als im Berlin der damaligen Zeit. Also: Hannover war damals eine wilde Stadt, und das hat sich Haarmann zunutze gemacht. Haarmann brauchte diese Wildheit, um an seine Opfer zu kommen und so lange unentdeckt bleiben zu können.

Die Mansardenstube, die Wohnung Haarmanns in welcher er seine Opfer umbrachte. Quelle: Archiv

Wie lange haben Sie sich mit Haarmann beschäftigt?

So um die drei Jahre.

Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Dass das Thema Folter damals in Deutschland tatsächlich noch nicht vorbei war, dass das ernsthaft erwogen und schließlich ausgeführt wurde. Was mich noch bewegt hat, ist, dass dieses Rätsel um Haarmann nicht letztendlich zu lösen ist – eigentlich hätte man den Kerl viel früher erwischen müssen, es gab viele Hinweise. Er hat sich nicht einmal besonders bemüht, seine Untaten zu verbergen. Dass das so lange ging, macht mich immer noch fassungslos.

Hatten Sie dabei auch mal solche Ekelgefühle, dass man dachte, jetzt geht’s nicht mehr weiter?

Vieles war schon sehr abstoßend: Die Morde an sich, wie er die Jungs umgebracht hat, sie regelrecht totgebissen und dann zerstückelt hat, das war für mich schwer zu ertragen und hat mich ziemlich belastet. Ich bin da sehr empfindlich, ich würde niemals in einen Horrorfilm gehen.

Jetzt haben Sie es ja hinter sich ...

Nicht ganz. Ich habe ein bisschen Angst vor den Lesungen, die jetzt kommen. Ich muss mich erneut mit dem gesamten Thema beschäftigen. Das bleibt beim Schreiben und Lesen ja nicht in den Buchstaben, sondern ich muss das in Bilder übersetzen, die mir sehr konkret vor Augen sind.

Wie viel vom fiktiven Kommissar Lahnstein in dem Roman steckt in Ihnen?

Das habe ich mich, ehrlich gesagt, noch gar nicht gefragt. In seinen politischen Ansichten steckt viel von mir, auch in der vorsichtigen, zurückhaltenden Art, mit schwierigen Situationen zuzugehen.

Welche Szene in Ihrem Roman hat Sie am meisten Kraft gekostet?

Es gibt einen Moment, der mich immer noch bestürzt, wenn ich ihn mir vorstelle. Das ist der Moment, wenn diese Jungs langsam oder plötzlich merken, was gespielt wird und dass sie nicht mehr aus dieser engen, schäbigen Kammer herauskommen, der Moment, in dem sie ahnen, dass sie Schmerz und der Tod nicht mehr entrinnen können, weil sie einem entfesselten Ungeheuer ausgeliefert sind.

Der Roman

Hier ermittelt Kommissar Robert Lahnstein gegen Haarmann (Penguin, 320 Seiten, 22 Euro) – und es macht schon Spaß, ihn zu begleiten und mit ihm auf die Jagd zu gehen. Leicht zu lesen, atmosphärisch dicht mit viel Zeitkolorit und teils so drastisch, wie der Fall Haarmann eben war. Der Horror-Faktor wird aber nicht überrissen, ist eher ein Roman als ein Krimi. Erste Wahl ist natürlich immer noch das Buch von Theodor Lessing. Kurbjuweit vermittelt die wissenswerten Infos locker nebenbei.

Und dann ist doch noch die Sache mit dem Menschenfleisch ...

Das ist so unvorstellbar – es gibt ja auch die Möglichkeit, dass Menschen vielleicht ihre Verwandten verspeist haben, ohne es zu wissen. Das ist der Ultra-Horror, den auch schon die griechische Mythologie beschwört.

Warum fasziniert Haarmann heute noch?

Die Untat, der Mord und der Serienmörder faszinieren generell. Und Haarmann war eine Art deutscher Meister des Verbrechens. Ich denke, es gibt ein Grundinteresse, das sich aus einer Angst und einer Angstbewältigung speist – indem wir uns das Grauen anschauen und uns damit beschäftigen, versuchen wir, unsere eigenen Ängste in den Griff zu bekommen.

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