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Kultur Duftforscherin Sissel Tolaas gibt Workshop in Hannover
Nachrichten Kultur Duftforscherin Sissel Tolaas gibt Workshop in Hannover
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20:29 03.03.2010
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Sissel Tolaas ist Duftforscherin. Die Duftinstallationen der 48-jährigen norwegischen Künstlerin sind in großen Museen zu sehen und zu riechen. Sissel Tolaas nimmt an der „Akademie der Spiele“ bei den Kunstfestspielen Herrenhausen (21. bis 26. Juni 2010) teil. Hier können Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren zusammen mit Tolaas eine Woche in den Herrenhäuser Gärten arbeiten. Interessenten können sich per Mail an kunstfestspiele@hannover-stadt.de oder unter Telefon (05 11) 16 84 42 56 anmelden.

Frau Tolaas, als was lassen Sie sich lieber bezeichnen: als Duftforscherin oder als Duftkünstlerin?

Ich befinde mich tatsächlich genau dazwischen. Vielleicht trifft professionelle Provokateurin es am besten. Forscherin oder Künstlerin allein ist jedenfalls nicht ausreichend. Oft nutze ich Kunst, um meine Forschung zu zeigen. Für meine Forschungen brauche ich immer eine Reaktion, immer Menschen, die mitmachen. Mein Thema ist das Atmen, ich untersuche, was passiert, wenn man ein- und ausatmet und Moleküle inhaliert.

Die Duftmoleküle müssen Kontakt mit uns haben, damit wir sie wahrnehmen. Der Geruchssinn ist kein Distanzsinn. Riechen bedeutet immer auch berühren. Ekelt man sich deshalb so oft vor Gerüchen?

Dieser Ekel hat immer mit Kultur und Erziehung zu tun. Wir sind nicht geboren, um etwas eklig zu finden. Es gibt keine Gene, die vorausbestimmen, dass wir diesen oder jenen Geruch nicht ertragen. Unsere Vorlieben und Abneigungen hängen alle mit unserer Umgebung zusammen.

Sind Sie da sicher?

Hundertprozentig. Wenn etwas sicher ist, dann ist es das.

Aber vor Aasgeruch etwa ekeln sich doch alle Menschen in allen möglichen Kulturen.

Ich rede nicht von gefährlichen Gerüchen, für die man über ganz andere Rezeptoren und Wahrnehmungsmechanismen verfügt. Ich rede über alle anderen Gerüche. Wir haben mal versucht, den Superekelgeruch zu kreieren, und wollten herausfinden, ob die Reaktion überall auf der Welt ähnlich ist. Ist sie aber nicht.

Was nimmt man für Zutaten, um einen Superekelgeruch herzustellen?

Es wurden verschiedene Versuche mit Superekelgeruch vorgenommen. Man kann kaum beschreiben, welche Zutaten man da nimmt. Es ist alles, was man sich nur vorstellen kann: Erbrochenes, tote Körper, Tierfleisch, Müll und so weiter.

Ekeln Sie sich vor Gerüchen?

Nein. Ich habe sieben Jahre gebraucht, um meine Vorurteile Gerüchen gegenüber loszuwerden. Das war ein harter Kampf. Für meine Beschäftigung mit dem Thema Geruch war es aber ganz wichtig, meine persönlichen Vorlieben zu eliminieren. Ich musste mich selber neutral stellen und alle Vorurteile gegenüber Gerüchen abbauen. Sieben Jahre habe ich dafür trainiert – unter anderem mit meinem Archiv von 6730 Gerüchen, das ich zu diesem Zweck aufgebaut habe. Das ist mein Alphabet des Geruchs. Jetzt kann ich überall reingehen, wo andere Leute sich sofort übergeben müssen. Mein Umgang mit Gerüchen ist rein intellektuell.

Es fällt mir schwer, mir eine neutrale Position gegenüber Gerüchen überhaupt vorzustellen.

Das kann sich keiner vorstellen. Aber es gibt Werkzeuge, die das erleichtern. Ich arbeite an meinem Designtisch aus Glas und habe Proben vor mir, denen man die Herkunft nicht ansieht. Da bin ich den Gerüchen sehr entfremdet.

In Hannover werden Sie bei den Kunstfestspielen Herrenhausen einen Workshop für Kinder anbieten. Kann man sich den als Schule des Riechens vorstellen?

Ja, genau. Mit Kindern im Alter von bis zu zwölf Jahren werde ich das Riechen trainieren. Die Kinder werden ganz abstrakte Gerüche kennenlernen. Hinter diesen Molekülen sollen die Teilnehmer dann Geschichten entdecken. Wir werden auch versuchen, mit Gerüchen zu kommunizieren. Es ist ein Experiment, ein Spiel. Ich hoffe, auch von den Kindern lernen zu können, denn in Geruchsdingen muss man oft einfach wieder Kind werden. Man kann sich kaum vorstellen, welche Geruchstoleranz Kinder haben.

Sie haben einmal einen Berlin-Geruch zusammengemischt. Können Sie sich auch einen Hannover-Geruch vorstellen?

Ich war leider noch nie in Hannover, ich bin dort bisher nur durchgefahren.

Stört es Sie, wenn Menschen viel Parfüm benutzen?

Es stört mich, wenn Menschen nicht ehrlich sind. Parfüm ist meist Camouflage von sich selbst. Die Industrie hat hier ganze Arbeit geleistet. Viele Gerüche kommen durch Parfüm in die Welt. Ich finde es schade, dass die Geruchsidentität der Menschen oft durch tonnenweise Parfüm überdeckt wird. Meist wissen die Leute ja gar nicht, womit sie sich da einsprühen: Katzensekret, Flüssigkeiten von Walen und anderen Tieren. Das ist doch absurd, oder?

Sie sollen einmal Männerschweiß als Parfüm benutzt haben, stimmt das?

Ja, ich habe ein Forschungsprojekt über Körperschweiß gemacht. Die Frage war, ob und wie man durch Geruch Informationen über eine Person wahrnehmen kann. Kann man darüber herausfinden, in welcher Stimmung der Betroffene ist?

Was ist passiert, als Sie mit Männerschweißgeruch losgegangen sind?

Ich habe wie ein Stinktier gerochen. Meine optische Erscheinung hat überhaupt nicht mit meinem Geruch korrespondiert. Die meisten Leute reagierten perplex und unsicher. Tendenziell gingen die Frauen eher auf Distanz, die Männer waren interessiert und kamen neugierig näher.

Riecht Angstschweiß anders als normaler Schweiß?

Ja, sicher. Ich habe dazu mehrere Projekte gemacht. Verschiedene Gefühlszustände führen zu unterschiedlichen Arten von Schweißgeruch. Es gibt nicht nur den einen Angstschweiß. Ich habe mit sechs Männern zusammengearbeitet, und ihr Angstschweiß roch immer ganz unterschiedlich. Interessant ist die Reaktion anderer Leute, die mit Reproduktionen dieses Schweißes in Berührung kommen: Sie bekommen Angst. Man könnte den Versuch auch mit Glück oder anderen Gefühlen durchführen.

Man fragt sich, wie Körper es schaffen, über Geruch zu kommunizieren. Bewusst steuern lässt sich der Geruch ja nicht.

Aber man kann immerhin die Wahrnehmung trainieren. Ich kann mittlerweile riechen, ob Leute glücklich sind oder traurig, ob sie Angst oder Sorgen haben. Es ist eine Art Feinjustierung der Nase.

Und die wollen Sie auch Kindern und Jugendlichen in Hannover beibringen?

Ja. Und vor allem Toleranz Gerüchen gegenüber. Das ist das Wichtigste.

Ich wüsste wirklich nicht, wie ich
meine starke Abneigung gegenüber
dem Geruch von Hundekot überwinden kann.

Ja, das ist schwierig. Je älter man wird, umso komplizierter wird es. Sie müssten wohl sechs Jahre trainieren. Aber Sie können es schaffen.

Interview: Ronald Meyer-Arlt