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Kultur Dreistündiges Mammutwerk begeistert in der Marktkirche
Nachrichten Kultur Dreistündiges Mammutwerk begeistert in der Marktkirche
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15:02 23.09.2018
Eindrucksvoll: Konzert in der Marktkirche. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Das war eine besondere Aufführung. In der Marktkirche verbanden unter der Gesamtleitung von Dirigent Keno Weber verbanden der Hannoversche Oratorienchor, das Göttinger Barockorchester, fünf Gesangssolisten und ein Sprecher Händels großartiges Oratorium „Deborah“ mit weiterer Musik und Texten zum Thema „Fanatismus“.

Das war nicht nur ein musikalischer Hochgenuss mit bewegenden Texten, es war zugleich auch spannungsvoll, fesselnd und kurzweilig, was die rund 100 Akteure in pausenlosen drei Stunden darboten. Besonders schon der Beginn: Schauspieler Roman Majewski vom Deutschen Theater Göttingen las von der Kanzel herab die lexikalische Definition von Fanatismus. Dann begann Händels Musik, die von den Göttingern lebendig gespielte Ouvertüre, gefolgt vom schön rund klingenden „Chor der Israeliten“. Ein wohlig-warmer, ausgewogen-transparenter Gesamtklang mit exzellenter Dynamik – so blieb es den gesamten Abend. Das Werk (Libretto: Samuel Humphreys), dessen literarische Vorlage das „Buch der Ritter“ aus der Bibel ist, wird in englischer Originalsprache gesungen. Das Werk spielt an einem einzigen Tag und handelt vom Kampf Israels gegen die Unterdrücker.

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Die fünf Gesangssolisten gehen voll in ihren Rollen auf und fesseln die über 400 Zuhörer mit ihren hervorragenden Stimmen. Wundervoll Sopranistin Katherine als Deborah, Prophetin und Richterin, die den Tod des kanaaitischen Heerführers Sisera voraussagt. Herrlich ihre zarte wie spannungsvolle Arie „In Jehova’s awful sight ...“. Packend und wunderbar die Countertenor-Arien von Christian Rohrbach (Altus) als junger, israelitischer Heerführer Barak, so bei „All danger disdaining ...“. Anna Nesyba (Sopran) mit ihrem Rezitativ als Israelitin Jael, die Sisera tötet, ist ein Höhepunkt. Auch Johannes Strauß (Tenor) als Sisera (Unterdrücker) und Markus Flaig (Bass) als Abinoam (israelitischer Feldherr und Vater Baraks) überzeugen. Alle Solisten harmonieren bestens miteinander, ebenso mit dem Chor und dem Orchester.

Es gibt viele berührende Momente, dazu trägt auch Majewski bei, der nach dem ersten und dem zweiten Akt eindringliche Texte vorträgt – gegen Gewalt, Krieg und Terror und für Toleranz, Akzeptanz und Verständigung. Die Textauszüge stammen aus dem Buch „Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers“ von Amos Oz. Majewski streut auch immer wieder Zitate über Fanatismus von berühmten Persönlichkeiten aus dem Orient und Okzident ein.

Mit den Texten werden nun auch die musikalischen Einlagesätze von Mauricio Kagel, Heinrich Ignaz Franz Biber und Johann Joesph Fux verbunden: Zwei Märsche von Kagel. „Die liederliche gselschaft von allerley Humor“ („Battaglia“) von Biber – erstaunlich abstrakt-modern klingen die zehn verschiedenen Stimmen, die zehn verschiedene Lieder in zehn Tonarten singen und bewusst nicht harmonisch zusammengeführt werden. Und die „Turcaria: Eine musikalische Beschreibung der Belagerung Wiens durch die Türken anno 1683“ von Fux: Hier prallen zwei ideologisch-musikalische Welten aufeinanderprallen – der Wiener Hochbarock und die türkische Janitscharen-Musik –, und doch gibt es eine Harmonie.

Diese Musik die Texte bilden einen hochinteressanten Kontrapunkt zum Oratorium, der die dem Werk innewohnende Dramatik weiterführt. Mit dem Chor der Israeliten und dem abschließenden „Alleluja!“ endet dieses außergewöhnliche Mammutwerk, das Weber wunderbar zu einer beeindruckenden Einheit formte. Am Ende Stille und Durchatmen. Dann begeisterter, achtminütiger Applaus mit Bravos und stehenden Ovationen.

Von Christian Seibt