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Kultur Drei Thalbach-Generationen lesen „Witwendramen“
Nachrichten Kultur Drei Thalbach-Generationen lesen „Witwendramen“
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13:53 23.09.2018
Schauspiel-Dynastie: (von links) Anna, Katharina und Nellie Thalbach lesen die „Witwendramen“ von Fitzgerald Kusz im Theater am Aegi. Quelle: Michael Wallmüller
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Hannover

Fitzgerald Kusz‘ „Witwendramen“ beginnen ähnlich wie Moby Dick: Der weiße Wal des Stücks wird durchdefiniert. „Es ist besser, der zweite Mann einer Witwe zu sein als der erste“, so ein argentinisches Sprichwort, Drei Thalbach-Generationen lesen die Revue an einem schwarz behangenen Tisch: Katharina, Anna und Nellie.

Die Damen sind wie zu einer Beerdigung gekleidet – und vor allem erstere geht in der Rolle der verhaschten und unterdrückten Ehefrau richtig auf. Zwischen gekrähten Flüchen auf den Toten und befreienden Kalauern („Was ist ein Mann in Salzsäure? Ein gelöstes Problem“) kippt die älteste Thalbach ihre Handtasche aus. Darin: Etwa 15 kurze Feigenschnäpse, die dem fiktiven Witwenverein durch sein Bewältigungstreffen helfen sollen.

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Acht Monate hat eine Hinterbliebene gebraucht, um den Kleiderschrank des Verschiedenen auszuräumen, eines konnte sie jedoch nicht wegwerfen: „Sein Gebiss“.

Neben den festen Rollen als alte, mittlere und junge Witwe lassen die Thalbachs bekannte Hinterbliebene zu Wort kommen: Jackie Onassis etwa und Katharina Thalbachs einstige Schauspiellehrerin Helene Weigel, die ihren Gatten Bertolt Brecht für seine Untreue verflucht. Alma Mahler-Werfel zählt derweil die Männer auf, mit denen sie ihren Ehemann Gustav Mahler betrog.

Bei allen Zoten und Doppeldeutigkeiten gehen die Misshandlungen der verstorbenen Tyrannen in Albernheit unter: Wenn Katharina Thalbach erzählt, wie sie ihrem Gatten Helmut jeden Freitag hat „willens sein“ müssen und dann mit blauen Flecken aufwachte, ist die Rede von Vergewaltigung in der Ehe – und das Publikum lacht die Episode weg, als sei ein Männerwitz erzählt worden.

Auch ein Vergewaltigungsversuch durch einen jüngeren Handwerker wird zur Posse degradiert – nachdem die älteste Witwe den Angreifer verstört aus der Wohnung geschmissen hat, sagt Anna Thalbachs Charakter, so eine Chance dürfe man sich doch nicht entgehen lassen.

Man schaudert noch von diesen Sätzen, da kommt heraus: Helmut verstarb an einem Cocktail „Jägermeister mit einem Schuss Zyankali“ und liegt jetzt einbetoniert im Garten. Eines unterstreicht das Stück bei aller Flapsigkeit: Was das Witwendasein erst zum Drama macht, ist die Ehe, die davor kommt.

Von Lilean Buhl